Nach fünf Jahren beginne ich gedanklich die Vorbereitung für die nächste längere Auszeit. Dieses Mal zwei Monate. Es beginnt nächste Woche in Italien. Ich werde hier berichten und freue mich, wenn ihr mich begleitet.
In der Zeit von 01.03. bis 31.10.2020 habe ich eine lange Auszeit von der Arbeit. Acht Monate frei. Ich lade dich ein, mich in dieser Zeit zu begleiten.
Montag, 23. März 2026
Freitag, 6. November 2020
Die erste Woche danach
So eine Videokonferenz mit rund einem Dutzend Teilnehmern ist eine ganz andere Kommunikation, man braucht mehr Konzentration, um zu folgen, die Gesprächsführung ist wirklich anspruchsvoll und als Teilnehmerin ist es verführerisch nebenbei was anderes zu tun, weil man Ton und Bild ja abstellen kann... wir kennen ja die lustigen Bilder, wenn das mal schief geht.
In der nächsten Woche geht es für mich weiter mich auf den aktuellen Stand zu bringen und wieder sicherer einsteigen zu können.
Samstag, 31. Oktober 2020
🌈Resümee
Neulich wurde ich gefragt, was denn nun die schönste Zeit war. Die Antwort ist einfach: Jeder Tag war besonders. Die Freiheit zu entscheiden, wie ich die Zeit gestalte war wunderbar. Ich beobachtete zu Hause beim Frühstück und Lesen auf der Terrasse die gefiederten Nachbarn, die Spatzen, Kleiber, Kohl- und Blaumeisen, Rotkehlchen, Tauben und die neugierigen Nebelkrähen, freute mich übers WDR2 oder Musik hören. Ich hatte Zeit und Lust morgens Yoga zu machen, Sachen zu sortieren, herumzukramen, zu rennen, zu wandern oder es auch zu lassen. Ab Mitte Oktober ging’s auch wieder ins Fitnessstudio in Potsdam oder ins Schwimmbad. Morgens war es leer und ich konnte zwischen den Rentner*innen langsam wieder Kraft aufbauen.
Die Zeit mit netten Menschen und an schönen Orten war ein großes Geschenk. Ich hatte oft das Gefühl, dass die möglichen Kontakte und Begegnungen intensiver waren, nicht nur ich hatte mehr Zeit und weniger Verpflichtungen. Ich konnte sehr viel draußen sein, was sehr meinen Interessen entspricht. Vielleicht war es auch ein Glück für mich, dass es wegen COVID-19 gar nicht möglich war länger voraus zu planen.Es hat mich sehr gefreut dann und wann eine Rückmeldung zu den Berichten zu bekommen, zu hören, dass meine Reisen und Entdeckungen auch manche von euch mitgenommen haben, wenn es gerade wegen des Lock-downs, bestehender Reisebeschränkungen oder aus anderen Gründen nicht ging. Durch das Aufbereiten meiner Erlebnisse und Gedanken für diesen Blog habe ich zusätzliche Hintergründe kennengelernt und Zusammenhänge gesehen.
Donnerstag, 29. Oktober 2020
🇩🇪 Die letzte Woche
Tja, da war sie nun: Die letzte Woche. Sie kam nicht überraschend, genauso wenig wie der Start vor fast acht Monaten. Am Sonntag begann ich zum ersten Mal darüber nachzudenken, was ich in dieser letzten Woche noch machen möchte. Was ist mir noch wichtig bevor ich wieder ins Büro gehe? Vielleicht mal wieder ein Brot backen, ein paar neue Rezepte ausprobieren, ein Bummel durchs Designer-Outlet in Wustermark oder über die Schlossstrasse in Berlin? Sehr gefreut habe ich mich über die „geschenkte Stunde “ am Wochenende, wurde ich doch nach der „objektiven“ Uhr früher wach und hatte mehr vom Tag. Meine innere Uhr hatte auch noch ein bisschen Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass es immer viel früher ist, als gefühlt, es morgens heller und abends schon so früh dunkel ist. Ich hoffe immer noch, dass die Zeitumstellung irgendwann abgeschafft wird.
Heute war ich nach dem Schwimmen im“blu“ kurz im Büro für eine kurze Übergabe. Für die Zeit meiner Freistellung war eine Kollegin befristet eingestellt worden, sie hat morgen ihren letzten Tag. Sie brachte mich auf den aktuellen Stand. Es fühlte sich für mich alles sehr vertraut an.
Freitag, 23. Oktober 2020
🇩🇪 Familie, Alliierte und Kunst
Am Donnerstag fuhren wir nach Zehlendorf und spazierten vom Mexiko-Platz zum Alliierten-Museum an der Clayallee. Das Museum zu den Aktivitäten der „West-Alliierten" zwischen 1945 und 1994 wurde 1998 im ehemaligen US-Kino „Outpost" - einem Gebäude von 1953 - und in der benachbarten ehemaligen Nicholson-Gedenkbibliothek des amerikanischen Stützpunkts eröffnet. Der Träger des Museums ist ein gemeinnütziger Verein, den die Bundesrepublik Deutschland, das Land Berlin, Frankreich, Großbritannien, die USA sowie das Deutsche Historische Museum Berlin und das Institut für Zeitgeschichte in München im Jahr 1996 gegründet haben. Seit 2015 stehen Bundesmittel für einen Umzug des Museums zum ehemaligen Flughafen Tempelhof bereit, geplant war er 2020/2021. Vor-Ort war davon nichts zu bemerken. In Tempelhof wäre sicher mehr Platz für die großen Ausstellungsstücke wie Flugzeuge oder Autos.
In der ehemaligen Bibliothek geht es um das Alltagsleben in den amerikanischen, britischen und französischen Garnisonen. Es gibt auch das restaurierte Segment eines Spionagetunnels, der Anfang der 1950er Jahre vom amerikanischen und britischen Nachrichtendienst zwischen Rudow und Alt-Glienicke gebaut wurde, um die sowjetischen Kommunikationslinien anzuzapfen. Draußen steht ein britisches Transportflugzeug vom Typ Handley Page Hastings T.M k.5, der Eisenbahnwaggon eines französischen Militärzugs, das letzte Wachhäuschen vom Kontrollpunkt Checkpoint Charlie, ein Mauerrest und ein Grenzkontrollturm der DDR. Das Flugzeug war als Kohletransporter in der Luftbrücke im Einsatz, es war bis 1977 im Einsatz, stand dann 20 Jahre als „Gate Guard“ auf dem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt der britischen Streitkräfte in Berlin-Gatow, bevor sie dem Museum geschenkt wurde. Der Wachmann im Museum erzählte uns, dass der Umzug von Gatow zur Clayallee im Jahr 1997 mit Hilfe eines russischen Transporthubschraubers durchgeführt wurde.
Freitag, 16. Oktober 2020
🇩🇪 Ausflüge nach Berlin und Oranienburg
Übrigens haben wir eine praktische App der Berliner Tourismusorganisation visitBerlin entdeckt: „ABOUT BERLIN“. Ein gibt Routen und ein paar Informationen zu interessanten Orten in der Stadt, das Angebot wächst stetig.
Am Freitag fuhren wir zur Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg. Das Konzentrationslager Sachsenhausen war das erste KZ, das durch einen SS-Architekten geplant wurde. Der SS-Architekt Bernhard Kuiper entwarf ein gleichseitiges Dreieck, in dessen Fläche sich das Häftlingslager, die Kommandantur sowie das SS-Truppenlager befand. Hierhin wurden zwischen 1936 und 1945 etwa 200.000 Häftlinge aus ca. 40 Nationen deportiert. Erst politische Gegner des NS-Regimes, dann in immer größerer Zahl Angehörige der von den Nationalsozialisten als rassisch und/oder sozial minderwertig erklärten Gruppen, also Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, weiterhin Zeugen Jehovas und ab 1939 auch Menschen der von den Nazis besetzten Staaten wie Österreich, Polen, Frankreich oder den Niederlanden. Zu den Häftlingen gehörten der SPD-Politiker Rudolf Breitscheid, der Hitler-Attentäter Georg Elser, der Journalist Gerhard Löwenthal (ZDF-Magazin), der Verleger Peter Suhrkamp, der polnische Schriftsteller Andrzej Szczypiorski und Martin Niemöller (1938 bis 1941) als „persönlicher Gefangener“ Hitlers als einer von inhaftierten 230 Geistlichen. Niemöller schrieb später „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Zu den Häftlingen gehörten auch protestantische Widerstandsfrauen aus den Niederlanden und mehrere tausend katholische Laien der französischen Résistance. Die Häftlinge wurden zur Zwangsarbeit in der Schneiderei, Tischler-, Schlosser- und Elektrikerwerkstätten eingesetzt oder ab 1942 in den über 100 Aussenlagern und -kommandos bei den Heinkel-Werken in Oranienburg, der Veltener Maschinenbau oder bei Berliner Industriebetrieben wie Siemens, DEMAG-Panzer, Henschel-Werke Berlin, Daimler-Benz, I.G. Farben und AEG sowie BRABAG Schwarzheide. Zehntausende Häftlinge starben an den Folgen von Hunger und Gewalt im KZ. Arbeitsunfähige wurden in Sammeltransporten nach Auschwitz transportiert oder vor Ort ermordet. Es gab so absurde Dinge, wie eine Schuhprüfstrecke: Hier testeten Häftlinge Sohlenmaterial für die deutsche Leder- und Schuhindustrie, dazu mussten sie bis zu 40 Kilometer täglich auf verschiedenen Wegoberflächen marschieren. Im August 1941 wurden über 12.000 sowjetische Kriegsgefangene in einer neu eingerichteten Genickschussanlage getötet, ab 1942 gab es eine Gaskammer. Die Räumung des KZ Sachsenhausen durch die SS begann am 21. April 1945. Die verbliebenen 33.000 Häftlinge wurden in Gruppen zu 500 auf den Todesmarsch nach Nordwesten geschickt. Ab August 1945 wurde das Gelände des KZ Sachsenhausen von der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) als „Speziallager Nr. 7“ genutzt, es wurden Sozialdemokraten, NS-Funktionäre und Gegner der neuen politischen Ordnung interniert. Ende 1945 war das Lager wieder voll belegt (12.000 Personen), 1946 mit bis zu 16.000 Personen, unter ihnen der Schauspieler Heinrich George, der hier auch 1946 starb. Die DDR schloss das 1948 in „Speziallager Nr. 1“ umbenannte Lager im Jahr 1950 als letztes der Speziallager, es wurden ca. 8000 Häftlinge entlassen, eine kleinere Gruppe in die Sowjetunion transportiert. Der Besuch hinterlässt mich wieder erschüttert, was Menschen anderen Menschen antun, wenn es in eine für sie nachvollziehbare Ideologie eingebettet ist. Der Besuch macht mich auch wieder nachdenklich, warum es immer wieder solche Menschenverachtung gibt, Menschen so viel Hass oder emotionale Kälte entwickeln können.Sonntag, 11. Oktober 2020
🇩🇪 Touristin zu Hause
Am Donnerstag vor einer Woche fuhr ich von Rüdesheim nach Hause. Am folgenden Freitag freuten wir uns über unseren 11. Hochzeitstag und am Samstag begann eine weitere Entdeckungsphase in Berlin und Brandenburg. Wir kauften uns wieder eine Jahreskarte für die Staatlichen Museen in Berlin und besuchten am Samstag die Sonderausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ in der James-Simon-Galerie. Ich lernte, dass es die Germanen nie als Volk oder Staat gab, sondern es Gemeinschaften waren, die zwischen dem 1. Jahrhundert vor und dem 4. Jahrhundert nach Christus die Gebiete rechts des Rheins und nördlich der Donau besiedelten. Caesar nannte sie „Germanen“. Zu sehen sind einfache Gebrauchsgegenstände einer Agrargesellschaft, aber auch üppige Beigaben aus Silber, Gold und Glas aus Gräbern der Reicheren. Es gibt auch Funde zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den germanischen Stammesverbänden untereinander. In einem zweiten Teil der Ausstellung geht es um die museale Rezeption des Blicks auf die Germanen in den Berliner Museen im 19. und 20. Jahrhundert mit dem Titel „Germanen. 200 Jahre Mythos, Ideologie und Wissenschaft“.
Danach besuchten wir noch die Sonderausstellung „Chaos & Aufbruch- Berlin 1920|2020“ im Märkischen Museum. Am 1. Oktober 1920 wurden durch das „Groß-Berlin-Gesetz“ 27 Gutsbezirke, 59 Landgemeinden sowie die bis dahin selbständigen Städte Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf nach Berlin eingemeindet. Die Einwohnerzahl wuchs auf 3,8 Millionen, das Stadtgebiet wurde 13x größer. Berlin wurde neben New York und London zu einer der größten und bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Ich lernte mehr über die verschiedenen politischen Ansätze, die Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Stadt für alle zu verbessern, auch durch eine einheitliche Verkehrs- und Siedlungspolitik. Ein praktisches Ergebnis der Arbeit des ehemaligen Verkehrsstadtrats Ernst Reuter sehe ich in der BVG und seit der Wende auch dem vbb, die den öffentlichen Nahverkehr einfacher und günstiger machen, als es z.B. in NRW geht mit den vielen Tarifgrenzen und damit viel höheren Preisen: Die rund 35 km Hagen- Wuppertal kosten im VRR 12,80€ pro Richtung, Potsdam-Köpenick oder Potsdam- Bernau (je ca. 50 km) gerade mal 3,60€. Vom Märkischen Museum spazierten wir noch etwas durch die Gegend und besuchten dann die autofreie Friedrichstraße. Am Mittwoch bin ich mit dem RE 1 nach Brandenburg an der Havel gefahren, um das Archeologische Landesmuseum zu besuchen und etwas durch die Stadt zu spazieren. Die Brandenburg war eine slawische Niederungsburg im 8. bis 12. Jahrhundert auf der Havelinsel, auf der heute u.a. der Dom St. Peter und Paul steht. Die Sammlung des Museums umfasst Fundstücke aus der Region, die heute das Bundesland Brandenburg umfasst und auch darüber hinaus, da die politischen Grenzen der Mark Brandenburg bis ins 19. Jahrhundert weiter im Westen (Altmark, Salzwedel) bzw. im Osten (Neumark, heutige polnische Woiwodschaften Westpommern und Lubuskie) lagen. Die ältesten Fundstücke des Museums stammen aus der Steinzeit, sind also rund 130.000 Jahre alt: Faustkeile, Pfeilspitzen, Textilien, Schmuck und Schädel. Es gibt Funde aus der Zeit des Neandertalers vor rund 50.000 Jahren. Das älteste Gräberfeld Deutschlands ist auf dem Weinberg bei Groß Fredenwalde in der Uckermark gefunden worden, es ist etwa 7.000 Jahre alt. Die Ausstellung zeigt auch, dass es verschiedene Phasen der Zu- und Abwanderung in der Region gab. Die germanischen Stämme zogen im 5. Jahrhundert Richtung Oberrhein und Schwaben weiter, die Slawen kamen im 6. und 7. Jahrhundert her. Albrecht der Bär (Askanier) eroberte 1157 die Brandenburg und holte Handwerker und Bauern, die aus der Altmark, dem östlichen Harzvorland, Flandern (Fläming) und den Rheingebieten kamen, sie brachten neue Technologien mit. Außerdem lockte man Holländer zur Trockenlegung der Havel- und Elbniederungen mit Land und Steuerprivilegien. Die Orte Angermünde, Eberswalde, Frankfurt, Perleberg, Prenzlau, Spandau und Berlin erhielten unter den Askaniern das Stadtrecht. Berlin-Cölln wurde 1261 Residenzstadt der Askanischen Markgrafen. Die Mittelpunkte des geistlichen Lebens waren die Bistümer Brandenburg, Havelberg und Lebus sowie die Klöster Lehnin, Chorin und Zinna. Mit dem Tod Ottos IV starb das Geschlecht der Askanier, ab 1320 bestimmten Wittelsbacher und später Luxemburger etwa 100 Jahre die Entwicklung. Die Goldene Bulle von 1356, das „Grundgesetz “ des Hl. Römischen Reichs bestätigte die Stimme der Markgrafen von Brandenburg als Kurfürsten, also der zehn ranghöchsten Fürsten, bei der Königswahl. Ab 1618 regierten die Kurfürsten von Brandenburg in Personalunion auch das Herzogtum Preußen. Im 18. Jahrhundert bildete sich nach der Königskrönung Friedrichs III. von Brandenburg die Monarchie Preußen als ein neuer europäischer Staat. Damit wurde die Markgrafschaft faktisch eine Provinz Preußens. Die formelle Gründung der Provinz Brandenburg erfolgte 1815 nach der Neuordnung Preußens durch den Wiener Kongress. Bei einem Spaziergang durch die Stadt entdeckte ich unerwartet viele sanierte Fachwerkhäuser und auch Jugendstilgebäude. Am Nicolaiplatz besuchte ich die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde. In den Gebäuden des ehemaligen "Alten Zuchthauses" Brandenburg an der Havel wurde 1939 eine von sechs Mordstätten der sogenannten "Aktion T 4" eingerichtet. In den Jahren 1940/41 wurden über 70.000 kranke, behinderte oder als „asozial“ stigmatisierte Menschen ermordet. In der „Landespflegeanstalt Brandenburg a. H." wurden zwischen Januar und Oktober 1940 ca. 9.000 Menschen aus psychiatrischen Krankenhäusern des nord- und mitteldeutschen Raums einschließlich Berlins durch Giftgas getötet. Offiziell ist die Gedenkstätte eigentlich nur Donnerstag bis Sonntag geöffnet, aber man kann auch an den anderen Tagen klingeln und wird (vielleicht) eingelassen. Am Freitag war ich in der Alten Nationalgalerie, zuerst in der Sonderausstellung zum belgischen Symbolismus „Dekadenz und dunkle Träume“: Bilder voller morbider, dekadenter oder dämonischen Motiven, Darstellung der femme fatale als Ausdruck von Überfluss und Wollust von Malern wie den Belgiern Fernand Khnopff und James Ensor oder des Deutschen Franz (von) Stuck. Ich lernte, dass aus Belgien viele Impulse für die Entwicklung des Symbolismus sowohl in Richtung Paris, wie auch London erfolgten und auch, dass der Salon „Les Vingt“ in Brüssel zwischen 1883 und 1893 viele internationale Künstler mit den Belgiern zusammenbrachte, darunter Cezanne, Gauguin, Seurat, van Gogh und Klimt. Die Sammlung der Alten Nationalgalerie war deutlich geringer besucht, als die Sonderausstellung, aber auch wieder interessant. Man sieht ja immer wieder was Neues, auch in bekannten Bildern.Montag, 5. Oktober 2020
Bücherliste (aktualisiert)
- Artur Becker: Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang (2013)
- Jan Peter Bremer: Der junge Doktorant (2019), Der amerikanische Investor (2011)
- Thomas Mann: Der Zauberberg (1924)
- Saša Stanišić: Herkunft (2019)
- Deborah Feldman: Unorthodox (2012), Überbitten (2017)
- Monika Maron: Flugasche (1981)
- Jacques Berndorf: Eifel-Blues (1989), Eifel-Gold (1993), Eifel-Filz (1995)
- Jodi Kantor und Megan Twohey: She said (2019)
- Ian Mc Ewan: The Cockroach (2019), Erkenntnis und Schönheit (2020)
- Richard Russo: Jenseits der Erwartungen (2020)
- Bettina Munk, Heinz Bude und Karin Wieland: Aufprall (2020)
Mittwoch, 30. September 2020
🇩🇪 Rheingau und Esel
Dann waren noch Himbeeren zu ernten, im Garten etwas Unkraut zu jäten, die Heuraufe bei den Rindern zu reinigen, auf der neuen Koppel Leinkrautsamen zu „ernten“, um deren Vermehrung auf der Fläche zu reduzieren und Holz für die Gäste bereitzustellen. Es sind eben viele Dinge im Blick zu behalten. Das gelang mir mal besser, mal schlechter. Es war eine gute Zeit für mich und ich konnte neue Dinge lernen über die Landwirtschaft, die Esel und auch über mich.
Der Umgang mit den Eseln war sehr entspannt und viel unkomplizierter, als ich es mit Pferden gewohnt bin. Esel sind kommunikativ, sie interessieren sich, sind in neuen Situationen nicht auf Flucht eingestellt, wie Pferde oder auch die Maultiere auf dem Hof. Das macht den Umgang sehr angenehm.
Ein bisschen touristisches Programm machte ich auch noch: Am Sonntag spazierte ich ein Stündchen zur Loreley (4 km), dem berühmten 132 m hohen Felsen an der Rheinkurve bei St. Goarshausen. Ich kannte die Gegend bisher nur aus dem Blickwinkel von „unten"- vom Rhein - hoch zu den Bergen und Burgen. Es ist interessant zu sehen, dass die Landschaft hier „oben" nur leicht wellig mit ein paar Kuppen ist, sich die Flüsse und Bäche jedoch sehr tief eingeschnitten haben, nicht nur der Rhein, sondern auch der kleine Forstbach von der Tür. An der Loreley hat man natürlich einen sehr schönen Blick ins Rheintal. Es gibt ein Besucherzentrum, eine Sommerrodelbahn und ein Gartenlokal. Heute habe ich den Eselshof verlassen und bin weiter nach Rüdesheim gefahren, das waren gut 25 Minuten mit dem Zug. Ich spazierte etwas durch den Ort, der bekannt wurde mit Asbach-Uralt, Rüdesheimer Kaffee und der „Drosselgasse “. Später fuhr ich mit einer Seilbahn hoch zum Niederwalddenkmal mit einer pompösen der Germania. Der Anlass zur Erbauung des Niederwalddenkmals war der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 und die anschließende Gründung des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871. Das Denkmal wurde jedoch erst am 28.September 1883 nach zwölf Jahren Planung und Bau eingeweiht. Es besteht neben der monumentalen Germania noch aus patriotischem Heldentext, zwei Alegorien „Krieg“ und „Frieden“ sowie einem Relief mit 133 Personen in Lebensgröße, darunter Wilhelm I zu Pferde umgeben von Generälen und Fürsten aus Nord- und Süddeutschland und fünf der sechs Strophen des Liedes „Die Wacht am Rhein“. Das Niederwalddenkmal reiht sich ein in die Liste der monumentalen Gedenkstätten des Kaiserreichs, wie dem Deutschen Eck in Koblenz, dem „Hermann“ bei Detmold, dem Kaiser- Wilhelm- Denkmal an der Porta Westfalica, dem Völkerschlachtdenkmal in Leipzig, dem Bismarck-Denkmal in Hamburg, dem Barbarossadenkmal auf dem Kyffhäuserberg und der Walhalla bei Donaustauf. In Rüdesheim waren nachmittags die Touristen Ü70 unterwegs, abends Ü40 bis um 60. Ich dachte, dass ich gar nicht wissen will, was hier „ohne Corona“ los wäre. Es lagen fünf Kreuzfahrtschiffe vor Anker, zu denen die älteren Reisenden gegen 18 Uhr wieder zurückströmten. Die Kapazität jedes einzelnen Schiffes liegt so zwischen gut 100 bis knapp 200 Passagieren. Die Reisenden kommen aus Deutschland, Schweiz, Niederlande und Skandinavien. Die Läden und Hotels machen auf mich den Eindruck, in den 1970/80ern stehen geblieben zu sein: Mahagoniefurnier und Messinggriffe schmücken auch mein Zimmer im Hotel Felsenkeller, das war nach den Fotos noch die bessere Wahl. Direkt an den Rheinanlegern finden sich Wein- und Asbach-Läden, sehr große Souvenirshops mit Motivgläschen und Fachwerkhäusern aus Plastik, ein paar Restaurants. Es werden billiger Schmuck, billige Taschen, einfache Hüte/Mützen, Pullover aus Synthetikfasern, praktische (Angler-)Westen, Jacken, Schuhe und natürlich - als erste Neuerung seit 30 Jahren - auch Masken angeboten, für 24,95€ auch mit Foto von Rüdesheim. In der berühmten Drosselgasse gibt es auf 144 Metern 5 oder 6 Restaurants, ein, zwei Wein- und ein paar Souvenirläden. Ich ging abends Wildfleisch-Burger essen, „aus eigener Jagd“. Das scheint mir auch eine jüngere Entwicklung zu sein. War lecker.🇨🇭 Einen Rückblick in die Schweiz: Mit gut 61% wurde am 27.09. die Volksinitiative der rechtspopulistischen Partei SVP abgelehnt, die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union aufzukündigen. Der bezahlte zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub soll kommen (Zustimmung 60,3%) und das neue Jagdgesetz, das den Abschuss von Wölfen erleichtern sollte, wurde mit 51,9 Prozent abgelehnt. Das Budget für neue Kampfflieger steht bereit.
Donnerstag, 24. September 2020
🇩🇪 Kaum da schon wieder weg!
Es ging erst wieder im Hochgeschwindigkeitszug der Trenitalia von Venedig nach Verona und von dort mit dem italienisch-österreichisch-deutschen „Eurocity“ Bologna-München (EC 88) über die Brennerbahn. Die Strecke der Brennerbahn wurde von 1864 bis 1867 von der k.k. priv. Südbahngesellschaft als Teil der Verbindung von Kufstein nach Ala und weiter in Richtung Verona gebaut. Sie quert den Alpenhauptkamm und führt über Bozen und den Brennerpass nach Innsbruck. Die Stecke ist auf italienischer Seite mit Gleichstrom, auf österreichischer Seite mit Wechselstrom elektrifiziert. Die eingesetzte Mehrsystemlok wechselt die Stromversorgung im Bahnhof Brenner/ Brenero. Es ging im Trentino und in Tirol durch eine Vielzahl von Tunneln. Der Schlern-Tunnel (italienisch Galleria Sciliar) zwischen Waidbruck und Blumau im Eisacktal ist mit gut 13 km der längste davon. Er ist seit 1994 in Betrieb. Dieser und weitere Tunnel haben die Zugstrecke sicherer und die Strecke für Huckepackzüge und Rollende Landstraßen befahrbar gemacht. Seit 2007 wird außerdem am Brennerbasistunnel gebaut, der wird als österreichisch- italienisches Projekt von Innsbruck bis nach Franzensfeste 55 km lang sein. Geplant ist die Inbetriebnahme für das Jahr 2028. Parallel sind weitere Zulaufstrecken auf der Südrampe der Brennerbahn geplant, darunter etwa Tunnel auf der Strecke Franzensfeste – Waidbruck. Es wundert sicherlich niemanden wirklich, dass Deutschland auch bei der Verbesserung der Schienenverbindungen durch Bayern zum Brenner hinterherhinkt, analog zur Situation bei der Anbindung in Richtung Gotthard-Tunnel in der Schweiz. Zur Erinnerung: Der Staatsvertrag zum Ausbau der Rheintalbahn zum Gotthard stammt von 1996, Erfüllung eventuell bis 2035. Aktuell ist die Verspätung am Brenner geringer, aber das kann ja noch werden. Der Staatsvertrag über den sog. Nordzulauf stammt von 2012, das Raumordnungsverfahren wurde im August 2020 abgeschlossen, die Vorzugsvariante soll bis Anfang 2021 gefunden sein. Dann kommen die konkreten Baugenehmigungen, Klagen, Ausschreibungen, ggf. Klagen der nicht berücksichtigten Baufirmen und irgendwann der Bau, zwischendurch ein paar Debatten über steigende Kosten. Ich finde im www keinen geplanten Fertigstellungstermin ... ach, wäre Elon Musk doch nur im Eisenbahngeschäft.
Von München nahm ich den ICE nach Berlin über die Bahntrasse Nürnberg- Erfurt- Leipzig. Die Neubaustrecke Erfurt– Leipzig wurde für 300 km/h ausgebaut und im Dezember 2017 eingeweiht. Damit verkürzte sich die Fahrzeit München-Leipzig-Berlin für die gut 620 Schienenkilometer von sechs auf 4 1/2 Stunden. Die Investitionskosten lagen bei rund 10 Milliarden Euro. Das Projekt umfasste den Bau von 37 Brücken und 27 Tunnel. Die Saale-Elster-Brücke ist mit 8.600 Metern nicht nur die längste Brücke des Projekts, sondern auch die längste Talbrücke Deutschlands. Der längste Tunnel des Projekts ist der Bleßbergtunnel (8.314 Meter). Er ist der viertlängste „aktive“ Bahntunnel in Deutschland und quert den Hauptkamm des Hohen Thüringer Schiefergebirges, wo auch der berühmte Rennsteig liegt.
Im Vergleich waren die Covid-19 Schutzmaßnahmen in den italienischen Bahnhöfen und Zügen am ernsthaftesten und professionellsten mit Fiebermessen per elektronischem Thermometer bzw. mit Wärmebildkameras an den Zugängen, Einbahnverkehr in den Bahnhöfen und in den Zügen sowie Masken- und Desinfektionsmittelausgabe im Zug. Die ÖBB verteilte noch Desinfektionstücher im Zug. In München kontrollierte Polizei im Bahnhofsgebäude die Maskenpflicht. Übrigens: Die deutsche Corona-Warn-App hat bislang keine „Schnittstelle“ zu denen in Italien oder der Schweiz.
Noch ein Rückblick nach Italien: Die Verkleinerung der Parlamente wird kommen. 70 Prozent der Italiener haben der Reduktion der Zahl der Abgeordneten von 630 auf 400 und der Senatoren von 315 auf 200 zugestimmt. Bei den Regionalwahlen ging es 3:3 aus, drei Regionen bleiben „rot“ (Toskana, Kampanien, Apulien), die drei anderen bekommen wieder rechtspopulistische und europafeindliche Präsidenten (Veneto, Ligurien, Marken). Damit wurde das Ziel des rechten, ehemaligen Ministerpräsidenten Salvini „6:0, dann Neuwahlen“ nicht erreicht.
Wieder zu Hause standen erst mal so allgemeine Tätigkeiten wie Wäschewaschen und Post an. Ich genoss aber auch die schöne, sonnige Zeit. Am Mittwoch war ich morgens im See schwimmen, wahrscheinlich das letzte Mal in diesem Jahr. Danach schaute ich mir die Ausstellungen zu 30-Jahren-Deutsche Einheit in Potsdam an, die dieses Jahr über einen ganzen Monat läuft und aus unbelebten „Ausstellungscontainern“ der Bundesländer und Institutionen besteht. Manches fand ich ganz interessant, manches war aber auch eher lieblos in die Gegend gestellt. Ich fuhr zum dritten Mal in diesem Jahr mit einem Riesenrad.Sonntag, 20. September 2020
🇮🇹 Buona sera
Am Donnerstag ging es von Bern nach Brig und von dort mit einem SBB-TGV an Lago Maggiore und Gardasee vorbei nach Venedig. In der Schweiz fuhr ich also nochmals durch den Lötschberg-Basistunnel und dann durch den Simplontunnel nach Italien. Der Simplontunnel ist etwa 20 km lang und verbindet das Rhonetal mit dem Val Divedro. Die erste Tunnelröhre wurde zwischen 1898 und 1905 gebaut, die zweite zwischen 1912 und 1921. Die Seen strahlten blau und mancherorts von Palmen umstanden vor wunderschöner Bergkulisse. Ach ja, schöne Villen am See gab es auch. Ich hätte für den italienischen Abschnitt der Reise eine Reservierung haben müssen. Der italienische Schaffner kassierte 10€ plus 13€ Strafe, mein Lehrgeld, demnächst vorher mal im "Kleingedruckten" zu lesen.
Der Zug war gegen 14:45 Uhr in La Serenissima („Die Durchlauchtigste“). Ich kaufte am Automaten gleich eine 72 Stunden-Karte fürs Vaperetto (40€) und war recht flink in der Pension Fortuny. Der Hausherr, Andrea, begrüßte mich herzlich und gab mir Tipps für meine Zeit in Venedig. Im spazierte später noch etwas durch die Gegend und aß um die Ecke zu Abend. Auch wenn die Vaporettos voller Leute sind, so ist die Stadt doch recht leer: Keine Kreuzfahrtschiffe am Kai, keine Asiaten, Araber oder Amerikaner auf Europatour, nur Italiener, Deutsche, Niederländer, Österreicher, Schweizer und ein paar Franzosen. Andrea erzählte mir, die Deutschen seien die ersten Gäste nach dem Lockdown gewesen und hätten ihm das Geschäft gerettet. Alle drei Zimmer im Haus werden gerade von Deutschen bewohnt.
Ein bisschen Geographie, Geschichte und Statistik: Die Lagune entstand ab etwa 4000 v. Chr. durch Ablagerungen des Flusses Brenta sowie anderer Gewässer Oberitaliens. Die Flusssedimente überdecken eine Grundschicht aus Lehm und Sand, die zwischen 5 und 20 m dick ist. Die Lagune hat einen nördlichen Teil, der vorwiegend Süßwasser enthält und von den Gezeiten kaum beeinflusst ist, dort liegt z.B. die Insel Torcello. Der südlichere Teil ist eine Salzwasserlagune mit Ebbe und Flut. Flora und Fauna der venezianischen Gewässer sind von großem Artenreichtum geprägt: Viele Fische leben hier, über 60 Vogelarten brüten in der Lagune, zudem überwintern Haubentaucher und Schwarzhalstaucher, Silberreiher und verschiedene Entenvögel. Neben Fischen und Vögeln leben auch Säugetiere, zahlreiche Insekten- und Spinnenarten in der Lagune. Bei den Pflanzen finden sich viele, die Salzwasser mögen, wie Queller. Zudem findet sich Schilfrohr und Rohrkolben. Erste Besiedlungen sind durch die Etrusker nachgewiesen, etwa ab 800 v.Chr. Venedig war ab dem 9. Jahrhundert n. Chr. bis 1797 Hauptstadt der Republik Venedig und Ende des 18. Jahrhunderts mit über 180.000 Einwohnern eine der größten europäischen Städte. Bis ins 16. Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten Handelsstädte, über die der überwiegende Teil des Handels zwischen Westeuropa und dem östlichen Mittelmeer abgewickelt wurde. Venedig unterhielt die meisten Handels- und Kriegsschiffe. Der Adel profitierte vom Handel, die Stadt entwickelte sich zum größten Finanzzentrum und dominierte ein Kolonialreich, das von Oberitalien bis Kreta und zeitweise bis nach Zypern reichte. Nach französischer und österreichischer Herrschaft wurde Venedig 1866 ein Teil Italiens. Am 31. Dezember 2019 hatte Venedig 259.150 Einwohner, davon 179.794 in den Stadtteilen auf dem Festland, 52.996 im historischen Zentrum und 27.730 innerhalb der Lagune. Am Freitagmorgen ging ich über den fast leeren Markusplatz und besichtigte den ebenso ruhigen Dogenpalast und nach der Durchquerung der Seufzerbrücke auch das dazugehörige Gefängnis. Der Palazzo Ducale war seit dem 9. Jahrhundert Sitz des Dogen und der Regierungs- und Justizorgane der Republik Venedig. Der Palast war Regierungs- und Verwaltungszentrum. Ab 1340 begann unter der Regierung der Dogen Bartolomeo Gradenigo die vollständige Umgestaltung des Palastes zur heutigen Form. Nach Bränden im 15. und 16. Jahrhundert baute man die Gebäude nach den Plänen des 14. Jahrhunderts wieder auf, man sparte zu keiner Zeit weder innen noch außen an Prunk. Der obere Teil der Innenwände und vor allem die Decken sind mit goldverzierten Ornamenten und Bildern der führenden Künstler Venedigs versehen. Vom Palast gelangt man auch auf die Ponte dei Sospiri, die Seufzerbrücke, über den Rio di Palazzo und weiter zum Gefängnis. Die elf Meter lange, weiße Kalksteinbrücke wurde geplant von Antonio Contin, einem Enkel von Antonio da Ponte, dem Erbauer der Rialtobrücke. Gebaut wurde 1600 bis 1603. Über die Brücke führen zwei durch eine Mauer getrennte Wege, die den Blick von abgeführten Gefangenen auf die dem Gericht vorzuführenden verhindert. Die Brücke erhielt erst im Zeitalter der Romantik ihren Namen, in der Vorstellung, dass die Gefangenen auf ihrem Weg ins Gefängnis von hier aus zum letzten Mal mit einem Seufzen einen Blick in die Freiheit der Lagune werfen konnten. Am Nachmittag war ich in der Peggy Guggenheim Sammlung, einer außergewöhnlichen Kunstsammlung des 20. Jahrhunderts mit Bildern u.a. von Pablo Picasso, Max Ernst, Wassily Kandinsky, Paul Klee, René Magritte und Piet Mondrian. Peggy Guggenheim erwarb 1949 den Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande, einen unvollendeten Palast aus dem 18. Jahrhundert, ließ ihn fertigstellen und nutzte ihn zum Wohnen und für Ausstellungen. Sie lebte bis an ihr Lebensende 1979 in Venedig und ist neben ihren Hunden im Garten des Palastes beerdigt.Anschließend spazierte ich im nördlichen Arsenal herum und dank eines freundlichen Pförtners konnte ich auch noch zwischen Kunst und im Umbau befindlichen Hallen fotographieren.
Den Samstag begann ich mit Leonardo Da Vinci, seinen berühmten Bildern, seinen medizinischen Zeichnungen und seinen technischen Geräten. Im Museum sind einige Nachbauten (z.B. Fluggeräte, Hygrometer oder eine wiederverwendbare Steckbrücke) ausgestellt und man kann auch selber etwas bauen. Danach fuhr ich mit dem gestopft vollen Vaporetto nach Burano und weiter nach Torcello. Die Insel Torcello ist wahrscheinlich seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. besiedelt, sie hatte im 10. Jahrhundert vermutlich 10.000 bis 20.000 Einwohner und war zu dieser Zeit größer und reicher als Venedig. Man wirbt noch heute damit, dass auf Torcello die Wiege Venedigs stand. Es gab zwei Benediktiner- und zwei Zisterzienserklöster und mehrere Palazzi, von denen nur noch zwei erhalten sind. Die früheren Bewohner haben fast alles brauchbare Baumaterial beim Umzug nach Murano oder Venedig mitgenommen. Heute lebt noch etwa ein Dutzend Menschen auf der Insel. Am Wochenende ist Torcello ein beliebtes Ausflugsziel. Die Vaporettos waren am Samstag voll, private Boote sausten über die Lagune oder parkten an den Gartenrestaurants am Kanal. Es gibt noch einen Spielplatz und heute gab es eine Hochzeit und eine Taufe in der Kathedrale Santa Maria Assunta. Von Torcello fuhr ich nach Burano, der Insel der bunten Häuser und später auf die Glasinsel Murano. Abendessen gab es auf der Insel Guidecca mit Blick auf Campanile, Markusdom und Dogenpalast.Heute fuhr ich nochmals nach Murano und danach zur Friedhofsinsel. Auch heute strömten die Venezianer und viele Touristen raus auf die Inseln. Ich fuhr mit der Linie 4 östlich um San Marco herum, dann saß ich schon, als die Massen sich an der Station Fondamente Nove, kurz F‘te Nove, reindrängelten. Die Station ist der Hauptumsteigepunkt im Norden von und zum Flughafen und zu den Inseln. Auf Murano bummelte ich nochmals durch einige Glasshops. Auf der Friedhofsinsel quälten mich und andere viele Mücken, ich fand aber auch das Grab von Igor Stravinsky und seiner Frau. Zurück am Markusplatz wollte mir eine Möwe mein Ciabatta abjagen, sie kam im Sturzflug von hinten. Ich habe mein Mittagessen retten können und dann im Schutz der Kolonnaden aufgegessen.
Heute und morgen stimmen die Italiener in einem Referendum über die Verkleinerung des Parlaments ab, außerdem sind Regionalwahlen u.a in Venezien und Venedig wählt einen neuen Bürgermeister. Weitere Regionalwahlen sind in Kampanien, Ligurien, Marken, Apulien, Aostatal und in der Toskana. Ich sah gestern Tafeln mit den Kandidatinnen und Kandidaten auf Murano. Es ist die erste Wahl seit Beginn der Corona-Infektionen, erste Ergebnisse soll es morgen Nachmittag geben. Die Regionalwahl wird als Stimmungsbarometer für die nationale Mitte-Links-Regierung von Ministerpräsident Giuseppe Conte gesehen.
Ich fuhr in den letzten Tagen viel Vaporetto, auch wenn es voll war fand ich immer irgendeinen Platz am Rand mit Fenster oder an Deck, wo natürlich alle hin wollten. Es ist ein Erlebnis so durch die Stadt zu reisen, die An- und Ablegemanöver sind schnell und wackelig. Das wäre bei unserer Prüfung für den Bootsführerschein nicht durchgegangen. Man muss meist raten, welche Linie da kommt, aber ich hatte ja Zeit für ungeplante Umwege. Die Einzelfahrt kostet stolze 7,50€, die Tageskarte 20€, dann wird’s billiger mit plus 10€ für jeden weiteren Tag. Neben dem Kapitän gibt es noch eine Person an Bord, die für die Anlegemanöver, Ein- und Ausstieg und wenn jemand unbedingt ein Ticket an Bord kaufen will zuständig ist. Manchmal wird es dann hektisch auf dem vollen Boot, da manche Stopps nur zwei Fahrminuten voneinander entfernt sind. Es wird hier natürlich alles per Boot transportiert, die Post, die Waren, die Kranken und auch die Toten. Im Hafen lag gestern auch noch die 97- Meter-Luxusyacht „Carinthia VII“, gebaut in der Lürssen-Werft in Bremen. Sie gehört der österreichischen Kaufhauserbin Heidi Horten und fährt unter der Flagge Maltas. Nach einem Schiffstracker liegt sie seit 23. Juni in Venedig vor Anker.
Übrigens wird der Müll in Venedig allmorgendlich von zwei netten Müllmännern direkt abgeholt. Es wird geklingelt, ein kurzes Schwätzchen gehalten und dann der Beutel entgegengenommen. Andrea erzählte mir, dass dies so sei, um den Möwen das Futter zu verwehren und zerfetzte Müllsäcke zu vermeiden.
Morgen früh fahre ich gegen 7 Uhr nach Hause. Es geht erst nach Verona, dann nach München und dann weiter nach Berlin. Wenn alles gut klappt, bin ich dann gegen 20:00 Uhr zu Hause in Potsdam.




































