Montag, 7. September 2020

🇨🇭Panoramazüge

Am Samstagmorgen ging es in Zermatt mit dem „Glacierexpress" nach St.Moritz.  Dieser "langsamste Schnellzug der Welt" fährt als touristische Verbindung schon seit 1930: Im Jahr 1926 war die Strecke über Furka- und Oberalppass eröffnet worden, 1930 die Strecke Visp-Brig. Mit meinem Interrail-Ticket war die Reservierung mit Zuschlag (38 Euro) zu zahlen, das hatte das Reisebüro erledigt.

Die Glacierexpress-Route führte erst mal wieder mit Zahnrad-Unterstützung über Streckenabschnitte mit 12,5 % Neigung von Zermatt runter ins Tal über Visp nach Brig. Der Ort an der Rhone wurde um 1250 gegründet und ist bis heute eine wichtige Stadt für Handel und Verwaltung.  Weiter ging es durch den Furka-Basistunnel nach Andermatt. Der Tunnel ersetzt seit 1982 die spektakulärere, aber störanfällige Passfahrt. Ich plane die Fahrt über den Furkapass mit einem alten Dampfzug am kommenden Wochenende. Am Furkapass verläuft übrigens die Wasserscheide zwischen Adria (Po) und dem Westlichem Mittelmeer (Rhône). Den höchsten Punkt der Reise erreichten wir wieder mit Zahnrad-Unterstützung am Oberalbpass (2.033m) in der Nähe der verschiedenen Quellen des Vorderrheins. Danach ging es runter ins Vorderrheintal, vorbei an Disentis mit einem mächtigem Benediktinerkloster und der beeindruckenden Rheinschlucht nach Chur. 

Die Rheinschlucht (Ruinaulta) entstand nach dem Flimser Bergsturz, dem bislang größten bekannten Bergsturz der Welt. Vor rund 9.500 Jahren (also nach der letzten Eiszeit) brachen zwischen dem Flimserstein und dem Piz Grisch über 10 Milliarden Kubikmeter Fels ab und begruben das Vorderrheintal unter einer mehrere hundert Meter mächtigen Schuttmasse. Zum Vergleich: Der Bodensee hat etwa 48 Milliarden Kubikmeter Wasser, der Chiemsee 2 Milliarden Kubikmeter, die Bigge 170 Millionen, der Cottbuser Ostsee nach Fertigstellung 150 Millionen, der Parsteinersee 77 Millionen. Da der Vorderrhein nicht mehr abfliessen konnte, wurde auf einer Länge von circa 25 km ein See aufgestaut. Im Laufe der Zeit schnitt sich der Fluss in die Bergsturzmassen ein und der entstandene See konnte irgendwann abfliessen. Zurück blieb die Ruinaulta mit steilen Kalkstein-Schuttklippen und beeindruckenden Erosionsformationen. Die Geologiefreunde finden hier mehr. 

In Bonadus, kurz vor Chur, fliessen Vorder-und Hinterrhein zusammen. Chur ist die Hauptstadt des Kantons Graubünden und hat heute etwa 38.000 Einwohner. Nachweise für eine Besiedlung der Region reichen bis in die Jungsteinzeit (ca. 4.000 v. Chr.) zurück, die Lage am Rhein und die günstige Lage zu den Alpenpässen machte die Gegend attraktiv, irgendwie kamen alle irgendwann vorbei: Römer, Christen (Bistum Chur), Magyaren, Sarazenen und Deutsche, bevor 1803 der Kanton Graubünden der schweizerischen Eidgenossenschaft beitrat. In Chur und weiten Teilen des Kantons wird deutsch gesprochen, aber der Kanton hat, als einziger der Schweiz, drei Amtssprachen: Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch. In Chur stiegen etwa die Hälfte der Reisenden aus dem Glacierexpress. 

Von Chur bis St-Moritz verkehren Glacier- und Berninaexpress auf derselben Schmalspur-Strecke von 1909  mit bis zu 7% Steigung (ohne Zahnradunterstützung), die seit 1919 elektrifiziert ist. Die Strecke schlängelt sich durchs Hinterrheintal und Albulatal (Nebenfluss des Hinterrheins) langsam wieder hoch, teilweise über beeindruckende Viadukte, die zum UNESCO - Welterbe „Rhätische Bahn" gehören. Die Reise bis St.Moritz dauert rund acht Stunden, es gibt sehr guten Restaurant-Service unterwegs. 

Von St. Moritz fuhr ich mit dem Regionalzug eine Station zurück nach Celerina. Ich wohne nun  eine Woche in Celerina im  Hotel Cresta Palace. Ein großer, klassisch schweizerischer Kasten von 1905 mit Lüstern, Messinglampen und Teppichen, alles gut in Schuss und mit moderner Sauna, Schwimmbad, kleinem Fitnessstudio und Sportangeboten sowie Freiticket für Busse und Bergbahnen. Das hat das Reisebüro wirklich schön gewählt und dabei einen guten Preis bekommen, den ich so nirgendwo gefunden habe. Die gemeinsamen  Sprachen des Hotel-, Service- und Küchenteams sind Englisch und Französisch, mit den Gästen (Schweizer-)Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Heute kamen zwei neue Mitarbeiter in den Wintergarten des Hotels, die ab der Wintersaison ein abendliches "Pop-up" Thairestaurant im Wintergarten mit 26 Plätzen führen sollen. Der Küchenchef sieht das als Experiment, wenn's läuft sollen mehr Plätze eingerichtet werden. 

Am Sonntag fuhr ich mit dem Bus nach Pontresina und stieg dort gegen 10 Uhr in den Berninaexpress, der aus Chur kam. Der Bernina Express verkehrt zur Corona-Zeit mit je einem Zug pro Richtung zwischen Chur und Tirano und Donnerstag bis Sonntag zusätzlich mit zwei Zügen pro Richtung zwischen St. Moritz und Tirano. Die "Sommerstrecke" Landquart – Davos – Tirano wird zur Zeit nicht bedient. Wir waren zu dritt im Panoramawagon der 1. Klasse. 

Der Zug schraubt sich von 1.774 Metern in Pontresina hoch zum Berninapass auf 2.253 Metern. Am Pass ist die Wasserscheide zwischen Schwarzem Meer und Adria, also Berninabach-Inn-Donau bzw. Acqua da Pila-Poschiavo-Adda-Po. In Alp Grüm gab es, trotz tiefhängender Wolken, eine gute Aussicht auf den Rest des Palügletschers und einen Fotostop. Runter ging es über Galerien und Tunnelkehren nach Poschiavo auf 1.014 Metern und weiter ins italienische Tirano (429 m). Beeindruckend ist neben den Talblicken noch der Kreisviadukt bei Brusio und die Fahrt direkt neben der Straße durch die Orte Tirano oder Parcheggio. 

Ich machte mich gleich wieder mit einem Regionalzug auf den Rückweg, weil ich noch ein oder zwei Wanderstopps plante. Da es oben regnete, stieg ich erst in Morteratsch auf 1.900 Metern wieder aus und ging ca. 35 Minuten leicht bergauf zum gleichnamigen Gletscher, um auch hier zu sehen wie weit er sich inzwischen zurückgezogen hat. Seit Beginn der systematischen Messungen 1878 hat der Morteratschgletscher über 2,6 km Länge verloren, dabei mit großen Schritten seit 1940. Die Gletscherzunge liegt inzwischen auf etwa 2.200 m, etwa 130 Meter höher als 1878. Das letzte große "Verlustjahr" war 2015 mit 164 Metern in der Länge. Die einzigen aktuelleren "Zuwachsjahre" waren 1985 (wie auch in Grindelwald) und 2004.

Noch ein bisschen Eisenbahntechnik: Glacierexpress und Berninaexpress fahren auf einer „Meterspur", sind also Schmalspurbahnen. Die "Normalspur", die es weitgehend im deutschen und europäischen Netz gibt, hat eine Breite von 1,435 Metern. In der Schweiz sind die großen Routen in Normalspur gebaut. Die Strecke St. Moritz- Tirano wird mit Gleichstrom betrieben, in den meisten europäischen Staaten wird die Eisenbahn mit Wechselstrom betrieben, Ausnahmen Italien, Spanien, Niederlande, Belgien, Polen und Teile von Frankreich. 

Für mich waren beide Touren sehr interessant. Die Tour mit dem Berninaexpress würde ich jedoch beim nächsten Mal nicht im Panoramazug, sondern in einem „Normalwagon" machen. Der Zug besteht regulär aus zwei Teilen: Panoramazug und "Normalzug". Im "Normalzug" kann man die Fenster fürs Fotographieren öffnen und ärgert sich nicht über viele Reflexe im Bild. Beim Glacierexpress gibt es diese Alternative auf der Strecke nicht. Eine weitere Option wäre die Weiterreise mit dem Berninaexpress-Bus von Tirano nach Lugano und eine Rundreise mit Anschluss an den Gotthard-Panorama-Express oder einem "Normalzug" in Richtung Luzern. Beide Panoramazüge auf meiner Reise waren nicht ausgebucht, der Glacierexpress etwa zu 75% belegt, der Berninaexpress maximal zu 50 %. Wer von euch solch eine Tour plant, sollte sie vielleicht machen, bevor die internationalen Touristengruppen wieder in die Schweiz reisen. Es ist eine gute Idee, sich statt Einzelfahrscheinen ein Interrail-Ticket zu kaufen, da stehen viele Alternativen zur Auswahl, Länderpässe oder ein Globalticket für x Reisetage innerhalb eines oder zwei Monaten oder x Reisetage hintereinander. Ein bisschen zum selber Austüfteln oder machen lassen, Beispiel: 5 Reisetage innerhalb eines Monats in allen Ländern für 282 € in der 2. Klasse, 376 € in der ersten Klasse, Ü60 wird's 10% billiger. 

Heute lege ich mal die Füße hoch, draußen nieselt es und die Wolken hängen tief. Ein schöner Tag für die Sauna. Ab morgen soll die Sonne wieder scheinen, dann geht's nach Davos und/ oder St. Moritz, mal sehen. 


Freitag, 4. September 2020

🇨🇭Grüezi miteinand

Am Mittwochmorgen habe ich mich um 07 Uhr mit dem Rucksack wieder auf die Reise gemacht: Mit dem Zug in und durch die Schweiz. Wieder ein bisschen "Retrotour". Ich habe 1989/1990 in Bern Geographie studiert und war damals natürlich auch ab und zu im Land unterwegs, auch in Zermatt, St. Moritz und Grindelwald, um zu wandern, Ski zu fahren oder Drachen-/ Gleitschirmflieger zu begleiten. 

Ich habe über ein Reisebüro die Zugfahrkarten und die Hotels gebucht. Das Reisebüro "Zugprofis" hatte ich mal zufällig entdeckt, als ich darüber nachdachte, was ich in meinem Sabbatical so machen könnte. In der Corona-Lage passt jetzt eine Zugreise in der Schweiz gut für mich. Die Fahrkarte ist ein Interrail-Ticket, nennt sich "Globalticket", damit kann ich an zehn Tagen innerhalb von maximal zwei Monaten in Europa reisen, die Reisetage trägt man jeweils ein, das war's. In Deutschland gilt das Ticket nur für die "Ausreise" und die "Rückfahrt". Auf meiner Liste stehen in der Schweiz Zermatt, Grindelwald, mit dem "Glacierexpress" nach St. Moritz, mit dem "Berninaexpress" in Richtung Italien und natürlich Bern. Wie schon bei den anderen Reisen, fahre ich 1. Klasse, das ist leerer und man hat mehr Platz. Ich möchte gern noch von Bern nach Venedig reisen, bevor ich um den 20. September wieder für ein paar Tage nach Hause fahre. Mal sehen, wie gnädig mir die Corona-Göttin dieses Mal ist. Bisher hatte ich ja viel Glück. Die Hinreise ab Potsdam über Berlin, Basel und Bern nach Zermatt lief bis kurz vor Hanau  rund, dann bremste uns ein Stellwerkschaden übel aus. Ich erreichte das Hotel Holiday in Zermatt erst um 22:30 Uhr, statt um 19:30 Uhr. Zum Glück war der DB nicht auch noch Essen und Trinken ausgegangen, ich ging also nicht hungrig schlafen, nur platt. Die 6.000 Einwohner Bergtourismusgemeinde Zermatt ist übrigens seit 1931 für den Autoverkehr gesperrt, es fahren Elektroautos der Hotels, Handwerker oder als Taxis und natürlich inzwischen auch e-bikes. 

Am Donnerstag fuhr ich morgens gegen 10:45 Uhr mit den Gornergrat-Bahn, einer elektrischen Zahnradbahn, die 1889 eröffnet wurde, hoch auf den Berg. Ich hatte im Hotel erfahren, dass alle Menschen, die zwischen 01.03. und 20. 06.2020 Geburtstag hatten diesen Sommer und Herbst (bis 30.11.) eine Freifahrt bekommen. Ich glaube ohne das Angebot wären mir 105 Franken- also etwa 100 Euro- zu viel gewesen. Die 9 km-Fahrt von 1.604 auf 3.089 Meter dauert etwa 20 Minuten und ist echt spektakulär, die Steigung beträgt bis 20% und man hat einen tollen Blick aufs Matterhorn. Auch wenn es oben-selbst ohne asiatische Touristen-voll war, war der Ausblick auf die beiden Gletscher, das Matterhorn und die anderen Berge drumrum beeindruckend. Der Grenzgletscher und der Gornergletscher bildeten bis zum Sommer 2019 noch ein Gletschergebiet, weil sie direkt "zusammenflossen". Bis dahin war das der zweitgrößte Gletscher der Alpen nach dem Aletsch-Gletscher. Jetzt sind es zwei Gebiete und der eigentliche Gornergletscher endet deutlich höher. Ich wanderte oben etwas herum und dann runter zu den beiden Seen, in denen sich der "Toblerone"-Berg spiegelt. Die Sonne schien, die Luft war klar und manchmal bildete sich die am Matterhorn typische Wolkenfahne. Es war so schönes Wetter, dass ich mich entschied ganz zu Fuss abzusteigen. Es wurde abseits der Seilbahnstationen deutlich leerer. Die Tour war schön, auch wenn die insgesamt um die 1.500 Höhenmeter mächtig auf die Knie gingen. Ich ließ mir Zeit und badete zwischendurch die Füße im Eiswasser des Gornergletschers. Kurz bevor ich an den Aussenregionen von Zermatt ankam, gab es noch den Gornerbach über eine Hängebrücke zu queren. Das ist auch nichts für jedeN. Im Hotel badete ich ausgiebig, nachdem ich Rösti und Bier zum "Nachtessen" hatte. Ich war zuletzt im Sommer 1989 in Zermatt, wir wanderten hoch in Richtung Matterhorn, parallel zur Seilbahn zum Schwarzsee. Damals entstand der Vorsatz nie wieder auf einen Berg zu wandern, wenn es auch eine technische Lösung nach oben gibt. Da kommst du nach drei, vier Stunden verschwitzt oben an und die anderen steigen entspannt aus der Seilbahn und machen sich für ein Stündchen zu den wirklich spektakulären Ausblicken auf. 

Heute nahm ich den Zug runter ins Tal, um über Interlaken nach Grindelwald zu fahren. Ich fuhr nur auch bewusst durch den "neuen" Lötschberg-Basistunnel. Am Mittwoch auf dem Hinweg war es ja schon dunkel. Der Bahntunnel gehört zum schweizer Bahn- Großprojekt der "Neuen Eisenbahn-Alpentransversale", kurz NEAT. Die politischen Entscheidungen zwei leistungsfähige Nord-Süd- Bahntunnel zu bauen, um eine Verlagerung des Schwerverkehrs von der Strasse auf die Schiene zu erreichen, wurde in den 1990ern getroffen. Ich erinnere mich noch an die ersten konkreteren Diskussionen in den 1980ern. Dabei wurden neue Basistunnel am Lötschberg und am Gotthard sowie eine Reihe anderer Verbesserungen diskutiert. Es gab zwei eidgenössische Volksabstimmung zu den Einzelprojekten: 1992 und 1998. Der Lötschberg-Basistunnel (34,6 km) ging 2007 in Betrieb. Der Gotthard-Basistunnel, mit  57 km der längste Eisenbahntunnel der Welt, ging 2016 in Betrieb.  Der Eurotunnel nach England hat übrigens 50 km Länge. Im Dezember 2020 wird mit dem Ceneri-Basistunnel der letzte Abschnitt der NEAT in Betrieb genommen. Es erfolgten auch seit den 1990ern konkrete  Absprachen mit Deutschland zur Verbesserung der wichtigen Güterverkehrsverbindungen von den Nordseehäfen durch das Rheintal. Im Vertrag von Lugano sicherte Deutschland 1996 zu, die 182 Kilometer lange Strecke Basel– Karlsruhe auf vier Gleise zu erweitern. In Betrieb sind davon bis heute 44 km zwischen Baden-Baden und Offenburg und 17,6 Kilometer nördlich von Basel. In Deutschland geht man von einer Fertigstellung der Gesamtstrecke bis 2040/41 aus. Echt peinlich! 

In Grindelwald machte ich mich gleich über die Seilbahn zum Pfingstegg zum Grindelwald-Gletscher auf den Weg. Ich wollte sehen, wie viel vom "Oberen Gletscher"  noch übrig ist. 1989 war ich noch in einer Eisgrotte in der Gletscherzunge, die war 1994 beim letzten Besuch schon weg, jetzt ist kein Eis im Tal mehr zu sehen. In seinem Hochstadium während der Kleinen Eiszeit (um 1850)  reichte  bis auf 1180 m ü. M. hinunter und endete gegenüber dem Grindelwalder Hotel Wetterhorn. Heute sieht man den Gletscher nur noch aus der Ferne auf etwa 2.000 Metern. Ich war sehr bedrückt, nie hätte ich gedacht, dass sich Klimawandel so schnell zeigt, früher dauerten Klimawechsel hunderte oder tausende Jahre, wir verändern die Welt in Jahrzehnten. Es geht Hüne nicht nur um ein paar Kubikmeter mehr oder weniger Eis, es geht um Quellgebiete der Flüsse: Der Grindelwaldgletscher speist die Aare, die wiederum in den Rhein fließt. Ich habe Fotos aus 1989 zum Vergleich mit dem Bild von heute gefunden, sie stammen von Dr. Hanspeter Holzhauser vom Geographischen Institut der Uni Bern. 

Heute Abend habe ich meinen Rucksack wieder gepackt, morgen geht es mit dem Glacierexpress über Chur nach St. Moritz, das Wetter ist immer noch schön, so dass es bestimmt eine eindrückliche Fahrt wird, wie die Schweizerin sagen würde. 

Kurz vor dem Ende der Ausstellung am 6. September war ich vor meiner Abreise auch endlich im Potsdam Museum, um mir die Bilder des Impressionisten Karl Hagemeister - und ein paar anderen aus der Zeit um 1890/1910 - anzuschauen. Hagemeister wurde 1848 in Werder (Havel) geboren und starb dort 1933. Er wurde in den Jahren 1871-1873 im Atelier von Friedrich Preller an der Fürstlichen freien Zeichenschule in Weimar zum Maler ausgebildet, reiste dann etwas herum (u.a. München, Brüssel, Amsterdam, Venedig) und kam Ende der 1870er wieder nach Werder zurück, wo er die meiste Zeit seines Lebens lebte. 1883/1884 war er in Frankreich und lernte verschiedene Impressionisten kennen. Im Jahr 1898 gründete Hagemeister zusammen mit einigen Kollegen, darunter Max Liebermann, die Berliner Secession. In Anerkennung seines künstlerischen Schaffens wurde Hagemeister mit 75 Jahren 1923 als ordentliches Mitglied der Akademie der Künste aufgenommen. In der Ausstellung sind 70 Bilder von Karl Hagemeister zu sehen, viele märkische Landschaften, auch Seerosen (1902), aber auch große Wellenbilder, die auf Rügen entstanden. Weiterhin 18 Gemälde anderer Künstler, wie Friedrich Preller, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt oder Walter Leistikow. 

Am letzten Samstag waren wir außerdem auch wieder mal in Berlin unterwegs, dieses Mal in Friedrichshain, inklusive Besuch am Märchenbrunnen. 


Mittwoch, 26. August 2020

In Potsdam und drumrum

Brüssel ist seit 21.08.2020 vom Robert-Koch-Institut als Risikogebiet eingestuft, Paris seit 24.08.2020. Zum Glück war mein freiwilliger Corona-Test negativ, jetzt wären Test und Quarantäre Pflicht. Auch wenn ich mich geschützt habe und keine Symptome hatte, war ich froh, als der Brief vom Labor am Samstag im Briefkasten war. Es hat damit de facto 100 Stunden gedauert, bis ich Gewissheit hatte, das Labor hat selbst fast 48 Stunden bis zum Testergebnis gebraucht, die restliche Zeit war "Transport" zum Labor und Postweg zu mir. Wäre ich infiziert gewesen, hätte ich das nach dem Test am Dienstag um 0800 Uhr frühestens am Donnerstagabend erfahren. Die beim Test angekündigte Veröffentlichung auf einer Liste des Labors im Internet gibt es für mein Testergebnis bis heute nicht. Weltweit haben wir heute über 24 Millionen mit Covid-19 infizierte Menschen, ein Viertel in den USA. Von den Infizierten sind rund 1/3 gerade krank und 182.000 Menschen starben weltweit mit oder an Covid-19. In Deutschland haben wir heute 236.429 Fälle, davon jeweils rund knapp 1/4 in NRW bzw. in Bayern. Ich wundere mich immer, warum Herr Söder so auf Verschärfungen in ganz Deutschland dringt, in Bayern gibt es relativ zur Bevölkerungszahl seit Beginn der Pandemie die meisten Fälle. Als mein Sabbatical vor sechs Monaten begann, waren es weltweit um die 90.000 infizierte Menschen, in Deutschland gut ein Dutzend und ich dachte, es wird ein bisschen übertrieben. Mit dem Gedanken war ich damals sicher nicht allein. 
Nach dem Brief vom Testlabor kam bei mir auch wieder "Entdeckungslust" auf. Ich wusste, ich habe keine Infektion mitgebracht, die Temperaturen sanken nach Regen am Samstag auf angenehme 25 Grad (max) und die Fülle der Eindrücke aus Brüssel und Paris hatten sich "gesetzt".  
Am Sonntag waren wir mal wieder im Berliner Tierpark im Osten der Stadt. Die Größe (160 ha) und die Parklandschaft sind "Corona-tauglicher", als der  Berliner Zoo (33 ha) im Westen. Es gibt übrigens ein interessantes Buch über die Geschichte der beiden Zoos: "Der Zoo der anderen" von Jan Mohnhaupt. 
Neu war für uns die bunte Bärenausstellung an der Hauptallee zwischen dem Schloss Friedrichsfelde und dem Terrassencafé. Das Alfred-Brehm-Haus (1963) ist auch seit Mitte Juli nach 2-jähriger Sanierung wieder offen. Hier kann man im Dschungel spazieren, Flughunde,  bodenbrütende Vögel oder auch Krokodile treffen. Die Gehege für Sumatra-Tiger, Leopard  und für die Baumkängurus sind im bzw. am Brehm-Haus neu gestaltet. Als Nächstes wird jetzt das Elefantenhaus saniert.
Am Dienstag besuchte ich das Jüdische Museum in Berlin. Dort wurde am letzten Sonntag die neue Dauerausstellung zur Jüdischen Geschichte und Gegenwart in Deutschland eröffnet. Die neue Ausstellung erzählt die Geschichte der Juden in Deutschland seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart. Nationalsozialismus und die Zeit von 1945 bis heute nehmen einen großen Raum ein. Es gibt "thematische Inseln" mit der Möglichkeit sich in Filme, Musik und Interviews zu vertiefen oder interaktive Karten zu nutzen - da freute sich die Geographin. Ich spazierte danach noch rund ums Jüdische Museum, die Michael-Blumenthal-Akademie und den Neubau der taz an der Friedrichstraße in Richtung Wilhelmstrasse zur "Topographie des Terrors" zwischen Anhalter Bahnhof, Potsdamer Platz und der historischen Stadtmitte. 
An der Stelle befand sich in den 1930er Jahren das Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), die Zentrale des Sicherheitsdienstes der SS und ab 1939 auch des Reichssicherheitshauptamtes. Es gibt ein Freigelände sowie Dokumentation und Aufarbeitung des Terrors durch den Nationalsozialismus in Deutschland, vor allem in  der Zeit von 1933 bis 1945. Ich war erstmalig in der Dauerausstellung. Nach dem vorherigen Museumsbesuch war ich aber etwas schlapp, ich gehe sicherlich nochmals hin. Vor dem Gropiusbau stand eine "Emmy", ein e-Scooter, mit der ich dann ein bisschen touristisch über Reichstag und Tiergarten nach Charlottenburg fuhr. Es machte großen Spaß. 
Heute schlief ich etwas länger, kramte zu Hause herum - Wäschewaschen, Aufräumen und so - schrieb diesen Eintrag und freue mich über den Regen. Ich hoffe, der hält jetzt ein bisschen an, nicht nur für unsere Pflanzen auf der Terrasse. Ein schöner Tag, um im neuen Sessel zu sitzen, Tee zu trinken und zu lesen. Die nächste Reise möchte ich nächste Woche starten, es geht mit dem Zug in und durch die Schweiz, zum Teil in den berühmten "Panoramazügen". Ich habe ein INTERRAIL-Ticket (10 Reisetage in 2 Monaten) und wenn es die Corona-Lage in der Schweiz, Italien und Deutschland erlaubt, fahre ich damit noch Mitte September von Bern weiter nach Venedig. 

Freitag, 21. August 2020

Coronatest in Berlin

Die Heimreise am Samstag war für mich recht verlässlich, Umstieg in Mannheim in den ICE und Braunschweig in den IC aus Emden. Die Umleitung des IC über Stendal statt Halt in Magdeburg und Brandenburg, wegen eines technischen Problems an der Strecke, betraf mich nicht wirklich. Der Zug war sogar etwas früher in Potsdam, als geplant. 

Am Sonntagmorgen habe ich dann das Bad im Heiligen See sehr genossen. Es ist immer wieder schön, gerade bei der Hitze. Sonntag und Montag sowie am Freitag gab es in Potsdam wieder über 30 Grad. Da ist es in der Wohnung hinter Gardinen doch auch ganz schön, es war zu warm und ich kam morgens schwer in die Gänge, weil auch die Nächte sehr warm waren. An den anderen Tagen war es ganz gut auszuhalten. Es war schön, wieder zu Hause zu sein und ich hatte auch nur ein bisschen "schlechtes Gewissen" gar nicht besonders aktiv zu sein. Am Mittwoch ging ich auch wieder morgens ein bisschen laufen, danach wieder in den See. Selbst 27 Grad sind erfrischend, die Ruhe und der Blick in den Himmel traumhaft. Am Donnerstag und Freitag räumte ich etwas auf, sogar im Keller und fuhr mit Elektroschrott zum Recyclinghof.

Ja und dann war da noch der Coronatest: Am Dienstagmorgen fuhr ich früh gegen 07:15 Uhr nach Berlin, im Hauptbahnhof hatte am Montag ein Corona-Testzentrum  eröffnet. Hier werden auch Menschen kostenlos getestet, die nicht aus den definierten RKI-Risikogebieten kommen, wie ich. Die Teststelle ist im Zwischengeschoss zur U5 in der letzten Ecke. Es arbeiten das Rote Kreuz mit der Bundeswehr und dem Labor MDI Limbach zusammen. Ich war kurz vor acht da und die einzige Kundin, etwa fünf Bundeswehrsoldaten und ebenso viele Mitarbeiter*innen des Roten Kreuzes vertrieben sich die Zeit so gut es ging. 

Die Prozedur ist nachvollziehbar, hat aber noch die eine oder andere Verbesserungsmöglichkeit: 

1. Formular zur Person und Reise ausfüllen: Da gibt es aber nur eine einzige Möglichkeit für die Angabe des Reiseunternehmens und des Sitzplatzes, was bei längeren Bahnanreisen und dann vielleicht auch noch aus dem Ausland zwangsläufig unvollständig wird. Man hat wohl die „Aussteigekarte“ der Bahn als Basismodell genutzt, die gilt eben für einen konkreten Zug, nicht für Reisen mit Umsteigeverbindungen. Natürlich kann man Details für die Nachverfolgung nachliefern, sollte man positiv sein, aber es sorgt erst einmal für Verwirrung. Die Datumsformate sind YYYY.MM.DD, also amerikanisch. Das wird zu Fehlern führen, wenn das automatisch gelesen werden sollte, weil das bestimmt viele nicht so genau lesen, wie ich das konnte, in aller Ruhe morgens um 0800. 

2. Theoretisch wird dann an der nächsten Station die Versicherungskarte eingelesen und ein QR-Code generiert. Praktisch funktionierte das am Dienstag nicht, die Herren von der Bundeswehr waren genervt und man trug meine Daten per Hand ein.

3. Statt eines QR-Codes bekam ich eine Nummer und mit der könne ich dann das Testergebnis nach 48 Stunden in einer pdf- Liste suchen. Diese Liste bei www.mdi-limbach-Berlin.de hat so um die 140 Seiten, eine Suchfunktion gibt es nicht auf dem Tablet, auch wenn behauptet wird „Auftragssuche im geöffneten PDF-Dokument über STRG + F“. Ich fand einen Weg über den Umweg das Dokument in Acrobat Reader hochzuladen. Nutzerfreundlichkeit geht anders.

3. Der Abstrich im Rachen war in weniger als einer Minute erledigt. Die Frau sah aus, wie man sie aus dem Fernsehen schon kennt: Ganzkörperschutz.

4. Sollte ich positiv sein, so rufen sie mich an, hieß es. Dann muss ich nicht in der Liste suchen. 

Um 08.11 Uhr saß ich schon wieder im RE 1 zurück nach Potsdam. Das Ergebnis lag bis heute Mittag, also drei Tage bzw. mehr als 72 Stunden nach dem Abstrich immer noch nicht vor, die aktuellste Liste (gerade nachgeschaut) stammte immer noch von gestern 11:45 Uhr. 


Samstag, 15. August 2020

🇫🇷 Adieu Paris

Die Entdeckungstouren durch Paris gingen am Donnerstag und Freitag weiter. Jetzt bin ich auf dem Heimweg mit dem TGV über Saarbrücken und Mannheim, dann ICE über Frankfurt (Main) und von Braunschweig mit dem „Nordsee-IC“ bis Potsdam. Alles in Allem knapp 10 Stunden für um die 1.000 km. Der TGV-Schaffner bedankt sich vorhin nach der Ticketkontrolle mit „Merci, Ellen.“ 

Am Donnerstag spazierte ich durch die Rue Mouffetard, eine der ältesten Straßen von Paris, hier befinden sich zahlreiche Häuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, drin finden sich verschiedene Restaurants, spezialisierte Lebensmittelgeschäfte, Kleider- und „Nippesläden“. Ich besuchte auch das Panthéon, das in derselben Gegend ist. Es ist die nationale Ruhmeshalle Frankreichs und Grabstätte berühmter französischer Persönlichkeiten. Das Panthéon steht auf dem Hügel der heiligen Genoveva, geplant vom Architekten Jacques-Germain Soufflot ab 1757 als Kirche der Abtei Sainte-Geneviève, der Grundstein wurde im September 1764 von Ludwig XV. gelegt, die Fertigstellung erfolgte erst 1790, da war der Architekt Soufflot schon zehn Jahre tot. Es stellten sich Bau- und Finanzierungsprobleme ein. Kurz nach der Fertigstellung wurde die Kirche im Zuge der französischen Revolution (1789-1799) zur nationalen Ruhmeshalle umgewidmet. Während des 19. Jahrhunderts wurde das Panthéon noch zweimal umgewidmet, zuletzt  1885 wieder von der Kirche zur nationalen Ruhmeshalle der Franzosen. Im Kellergeschoss, das die gesamte Grundfläche der Kirche umfasst gibt es viele Kapellen mit Ehrengräbern, darunter Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694- 1778), die Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885) und Émile Zola (1840– 1902), der Erfinder der Blindenschrift, Louis Braille (1809–1852) und der Politiker Jean Monnet (1888–1979), der die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl vorantrieb, die später zur Gründung der Europäischen Kommission führte. Als erste Frau wurde 1907 Sophie Berthelot mit ihrem Mann, dem Chemiker und Politiker Marcelin Berthelot, beigesetzt, ein „Deal“ in Verbindung mit der Beisetzung des Gatten. Die erste Frau, die in Anerkennung ihrer eigenen Leistungen im Panthéon beigesetzt wurde, war Marie Skłodowska Curie (1867-1934), weitere Frauen sind Geneviève de Gaulle-Anthonioz (1920-2002) und Germaine Tillion (1907-2008), die beide in der Résistance kämpften sowie die ehemalige französische Ministerin und Präsidentin des Europäischen Parlaments, Simone Veil (1927-2017). Die meisten „Ehrengäste“ kommen erst längere Zeit nach ihrem Tod ins Panthéon, so wurde Alexandre Dumas erst knapp 130 Jahre nach seinem Tod im Jahr 2002 umgebettet. Andere wurden wieder ausquartiert, wie der Politiker Honoré Gabriel Victor de Riqueti, Marquis de Mirabeau (1749-1791), der während der französischen Revolution politisch aktiv war und dann 1794 wegen seiner Verbindungen zum Königshof Ludwigs XVI.  in Ungnade fiel. Im Panthéon findet sich auch das 67 m lange foucaultsche Pendel, mit dem 1851 der Nachweis der Erdrotation gelang, aber eben nicht sein Erfinder, der Physiker Léon Foucault. Er ruht auf dem Friedhof Montmatre. 

Am späteren Nachmittag erklomm ich vom Hotel aus den Montmatre und stieg auf Sacré-Cœur, wie schon am Vortag zog wieder Regen auf, die Temperaturen in der Stadt werden erträglicher. Die Basilica  im neobyzantinischen Stil wurde zwischen 1875 bis 1914 erbaut und erst nach dem 1. Weltkrieg im Jahr 1919 geweiht. 

Am Freitagmorgen hatte ich für 09:45 Uhr ein Ticket für die Katakomben von Paris, dem größte Beinhaus der Welt. Ursprünglich wurde hier in unterirdischen Stollen über einen Zeitraum von 2.000 Jahren Kalkstein abgebaut, der für den Häuserbau verwendet wurde. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden so knapp 300 Kilometer Tunnel unter der Stadt, was im 18. Jahrhundert aufgrund der fehlenden Stabilität des Unterbodens zu ersten Problemen und Hauseinstürzen führte.

Die „Inspection Générale des Carrières“ ist bis heute für den Umgang mit den Bergbaufolgen verantwortlich. In den Katakomben liegen u.a. die Knochen von insgesamt 6 Millionen Menschen, die im 18. Jahrhundert von überfüllten Friedhöfen hierher umgebettet wurden, es herrschten Hungersnöte und Seuchen. Während der französischen Revolution wurden einzelne Stollen als Versteck genutzt, die Deutschen nutzten Stollen als Bunker. Man kann heute etwa 2 km unterirdisch entlang der Grabstätten gehen. Es war nützlich den Audioguide für Hintergrundinformationen zu haben, bei um die 14 Grad sind die Katakomben auch ein Sommerziel, wenn auch etwas makaber. Von den Katakomben machte ich mich später auf in Richtung Ille des Cignes, eine künstliche Insel in der Seine, südlich des Eiffelturms. Hier steht eine Replik im Maßstab 1:4 der New Yorker Freiheitsstatue des Pariser Bildhauers Auguste Bartholdi, sie am 4. Juli 1889 durch den damaligen französischen Staatspräsidenten Marie François Sadi Carnot. Am Einweihungstag feierte Frankreich den hundertsten Jahrestag des Sturms auf die Bastille (14. Juli 1789) und die USA den Unabhängigkeitstag (4. Juli 1776). Der Erbauer Bartholdi protestierte gegen die östliche Ausrichtung der Statue, deshalb drehte man sie im Mai 1937 in Richtung Westen. Was ich auf der ruhigen Insel nicht gesehen habe waren Schwäne (cignes).
Ich schaute noch bei Notre-Dame De Paris, der lieben Frau von Paris, vorbei. Die Kathedrale des Erzbistums Paris wurde in den Jahren von 1163 bis 1345 errichtet. Sie brannte 2019 teilweise ab und wird gerade originalgetreu wieder aufgebaut. Die beiden Türme aus Naturstein sind 69 Meter hoch und sehen aus der Ferne recht unbeschadet aus. Am 130 m langen, 48 m breiten und 35 m hohen Kirchenschiff sieht man deutlich die Schäden. Mehr zufällig fand ich das „Mémorial des Martyrs de la Déportation“ am östlichen Ende dder Île de la Cité, eine Gedenkstätte in einer Krypta mit 200.000 Kristallspitzen bedeckt, die die Opfer der Deportation symbolisieren. Die Wände sind mit Auszügen aus Gedichten und Zitaten geschmückt. Das Projekt wurde vom Architekten Georges-Henri Pingusson realisiert und am 12. April 1962 vom damaligen französischen Präsidenten, Charles de Gaulle, eröffnet. 

Gelernt habe ich, dass der Pariser Untergrund nicht nur heute durch Infrastruktur durchzogen wird, sondern früher schon durch den Abbau von Ton und Kalksteinen ziemlich untergraben und gelöchert wurde. Die Katakomben und der Park des Buttes-Chaumont wurden dadurch möglich, die Bauarbeiten, z.B. des Panthéons dadurch aber auch erschwert. 

Die schlechten Nachrichten am Freitag in Frankreich waren, dass Marseille und Paris zu „roten Zonen" in der Covid-19- Pandemie wurden und die britische Regierung beschlossen hat, dass Einreisende aus Frankreich ab Montag 14-Tage in Quarantäne müssen. Es gibt ein Zeitfenster von 48 Stunden, um ohne Quarantäne nach UK einzureisen, schnell waren alle Zugtickets weg, die Fähren voll. Das trifft die britischen Urlauber oder französische Arbeitnehmer in UK genauso unerwartet, wie es die Deutschen Urlauber trifft, die gerade in Spanien (außer Kanaren) Urlaub machen. Die Hoffnung auf „Normalität" platzt und die Absurdität der Werbung für den Sommerurlaub im EU-Ausland wird deutlich. In Paris liegt die Infektionsrate bei 62/100.000 in der letzten Woche, steigende Quoten gerade bei Jugendlichen und Menschen unter 40 überall im Land, vor allem in den Großstädten. 


Mittwoch, 12. August 2020

🇫🇷 Vous-êtes Belge, Madame?

Es schien zum Wochenbeginn so, dass sich die Covid-19-Lage in Belgien entspannte, aber das schien wohl nur so: Die Maskenpflicht wurde heute auf den gesamten öffentlichen Raum erweitert, nicht nur auf Märkten und Einkaufsstraßen und eben nicht nur dort, wo Menschen eng wohnen. Meist war das schon letzte Woche so, zumindest sobald man nicht mehr allein auf dem Bürgersteig war. In Paris hält man es ähnlich: Viele tragen auch draußen Masken, müssen muss man nur auf vielbesuchten Straßen und Plätzen. In der Metro soll jeder zweite Platz leer bleiben. Ich selber trage Maske und gehe Menschen und Menschengruppen aus dem Weg. Ich versuche weiterhin, mich möglichst draußen aufzuhalten. Im Zug fahre ich 1. Klasse, in Bussen oder in der Metro setze ich mich allein, wenn es geht. Die Maske nervt bei 35 Grad, aber Leute anstecken will ich weder hier, noch zu Hause. Ich bleibe mir bewusst, dass meine Reisen das Risiko erhöhen für mich und meine Umgebung. 

Gestern verließ in Brüssel mit dem Thalys nach Paris. Die Fahrt dauert knapp 1 1/2 Stunden, der Zug fährt auf Abschnitten um 295km/h, da sind die 300 km schnell überwunden. Die Ansagen im Zug sind übrigens durchgängig in vier Sprachen.  Als ich noch in Brüssel lebte, bin ich ab und zu nur für einen Tag mit THALYS oder TGV nach Paris gefahren, um dann um 10 Uhr einen Kaffee auf dem Eiffelturm zu trinken. Es war in Zeiten von gefühlter großer Fremdbestimmung, um wieder „meinen Rhythmus" zu bekommen. Dieses Mal habe ich mehr Zeit, erst am Samstag geht es zurück nach Hause. Ich ging zu Fuß vom Nordbahnhof zum Hotel Le Pigalle. Ein schönes Hotel mit einer sehr netten Crew und schönen, individuellen Zimmern  (https://lepigalle.paris). 

Mein erster Spaziergang führte mich zu den Galeries Lafayette. Ich bummelte durchs klimatisierte Kaufhaus und beim Smalltalk im Aufzug, sagte Madame „Vous-êtes Belge, Madame?“. Ach wie schön, man erkennt mich nicht als Deutsche in Paris. Ich weiß, ich weiß, als Belgierin erkannt zu werden ist bei den Franzosen auch kein wirkliches Kompliment, aber trotzdem schön. Weiter ging es zum „Jardin des Tuileries“, ein ehemaliger barocker Schlosspark aus dem 16. Jahrhundert beim gleichnamigen Schloss neben dem Louvre, das Schloss brannte 1871 beim Aufstand der Pariser Kommune ab. Der Park war immer der Privatgarten der Königinnen und Könige und wurde vielfach umgestaltet. Im Sommer gibt es hier eine Kirmes, wie - normalerweise - in Brüssel in dieser Zeit auch. Ich fuhr wieder mit dem Riesenrad, hier kostet das zwölf Euro, in Brüssel waren es acht. Angesichts von um die 36 Grad, war es keine so gute Idee, sich gegen 15 Uhr in einer Kabine aufzuhalten. Ich war recht froh, als die drei Runden rum waren. Aus den Tuilerien spazierte ich zum „Champ de Mars“ entlang der Seine und dann zum Eiffelturm. Ich hatte ein Ticket für 17 Uhr, gerade als Regen und Gewitter aufzogen. Es gab oben mächtig Wind, das war eigentlich ganz angenehm. Ich fuhr zum ersten Mal komplett mit dem Aufzug, das geht wohl auch gerade gar nicht mehr anders. Früher bin ich den unteren Teil bis zur 2. Etage meist zu Fuß gegangen, das sparte Zeit und für eine Person war im Aufzug nach ganz oben immer Platz. Es war schön von oben auf die Stadt zu schauen und das Gewitter vorbeiziehen zu sehen. Übrigens patrouilliert auch in Paris das Militär mit Gewehr, zumindest an markanten Plätzen, wie am Eiffelturm. Ich fuhr dann mit dem Bus heim und aß später indisch in der Nachbarschaft des Hotels.  Als Fußgängerin muss ich mich noch etwas daran gewöhnen, dass Zebrastreifen hier keine Bedeutung haben. Schön ist, dass auch in Paris viele Radfahrer unterwegs sind und der Autoverkehr deutlich eingeschränkt wird. 

Heute hatte ich schon für 9 Uhr ein Ticket für den Louvre, ich fuhr mit der Metro. Die Pariser Métro wurde ab 1898 unter Leitung von Fulgence Bienvenüe und Edmond Huet erbaut und anlässlich der Weltausstellung 1900, die auch verbunden war mit den  Olympischen Sommerspielen, eröffnet. Die Métro-Linie 1 durchquerte Paris von Ost nach West zwischen vom "Porte de Vincennes" zum "Porte Maillot" um die Zuschauer zu den Olympischen Sommerspielen im Stadion im Stadtwald "Bois de Vincennes" zu befördern. Heute hat die Pariser U-Bahn insgesamt 16 Linien mit insgesamt 219,9 km Streckenlänge. Die Métro befördert täglich über fünf  Millionen Personen. Seit 1998 fahren auch vollautomatische Linien, Linie 14 und Linie 1 (La Denfence- Château des Vinceennes). Die Linie 1 fährt auch zum Louvre und ist echt schnell unterwegs. Das Eintrittsritual im Louvre verlief professionell wie immer, ich hatte auch gleich einen Audioguide gebucht, ein Nintendo mit 3-D-Bildschirm. Anfangs hatte ich Probleme, mich mit dem Ding zu orientieren, aber dann ging es. Für mich waren  etwas wenig Bilder beschrieben, quasi nur die VIPs, aber das wird ja vielleicht noch. Ich ließ mich so etwa zwei Stunden durch das Museum treiben, dann war’s gut. 
Was macht man noch bei um die 34 Grad? Museum mit Klimaanlage hatte ich schon, shoppen in klimatisierten Gebäuden wollte ich nicht, also fuhr ich mit der Metro zum Parc des Buttes-Chaumont. Der ehemals „kahle Berg “ ist seit 1867 ein Landschaftsgarten englischen Stils im nordöstlichen 19. Arrondissement von Paris. Bis zum Mittelalter war die unfruchtbare Anhöhe, die geologisch vergleichbar mit dem Montmatre ist, wenig genutzt. Vom 13. bis ins 18. Jahrhundert befand sich an ihrem westlichen Fuße ein Galgenberg, der „Gibet de Montfaucon“,  der wichtigste Galgen der Könige von Frankreich, hier wurden die exekutiert, die wegen Verbrechen gegen den König und den Staat verurteilt waren. Einfache Kriminelle wurden am nahegelegenen Gibet de Montigny gehängt. Am Steilhang des Buttes-Chaumont standen ab dem 17. Jahrhundert einige Windmühlen, ebenso ab dem 17. Jahrhundert wurden Mergel, Ton und vor allem Gips gewonnen: Erst im Tagebau, ab 1810  auch unter Tage aus großen Kavernen und Stollen in bis zu 61 Metern Tiefe. Der Gips hatte eine hohe Güte und wurde bis nach Amerika exportiert. Die letzten Bergstollen, die Carrières d’Amérique, wurden in den 1870er Jahren zugeschüttet. Es gab hier auch eine Müllkippe und zahlreiche Abdeckereien, es fanden Tierkämpfe, inklusive Stierkämpfen, statt. Das war sicherlich keine schöne Gegend. Die Idee zur Umgestaltung hatten Napoleon III. und sein Stadtplaner Georges-Eugène Baron Haussmann, die 1863 beschlossen, hier einen Landschaftspark mit um die 25 ha errichten zu lassen. Er wurde von Jean-Charles Alphand als öffentlicher Garten geplant - das ist er immer noch. 
Eröffnet wurde der Park zur Weltausstellung 1867. Es ist der Park in Paris mit dem größten Höhenunterschied (mehr als 40 Meter), mit einer Insel, einer Grotte (mit künstlichen Stalaktiten), einer von Gustave Eiffel konstruierten Hängebrücke und einem kleinen Tempel im römischen Stil auf der Aussichtsplattform, also jede Menge schöne Kulisse. Ich spazierte herum und genoss die Bänke im Schatten. Ich kam noch ins Gespräch mit zwei Damen aus der Nachbarschaft, mit denen ich übers Wetter, meine Reisen, Berlin und mein „gutes Französisch“ sprach, ach, ging das runter. Später spazierte ich entlang der Metrolinie 2 bis zum Friedhof Montmartre. Neu war mir der eher indische Teil an der Station „La Chapelle“, in der Nähe gibt es auch einen Hindutempel. Der Friedhof Montmartre wurde in einem ehemaligen Gipssteinbruch angelegt und am 1. Januar 1825 als Cimetière du Nord eröffnet. Der Cimetière de Montmartre ist der älteste der heutigen Pariser Friedhöfe. Er hat Platz für 20.000 Gräber, jährlich werden etwa 500 Beerdigungen vorgenommen. Ich besuchte Dalida, Edgar Degas (aus der Familie De Gas) und freute mich über Schatten und gelegentlichem Wind. Erst später habe ich noch gelesen, dass Heinrich Heine - der aus Düsseldorf mit den Gedichten und Büchern -  und Léon Foucault - der mit dem Pendel - auch dort begraben sind. Zurück im Hotel nahm ich ein lauwarmes Bad, ist doch sehr schön, dass ich ein Zimmer auch mit einer freistehenden Wanne am Bett habe. 


Montag, 10. August 2020

🇧🇪 Fotos aus Brüssel 📷

Morgen geht es weiter nach Paris, hier noch ein paar Fotos von meinem Besuch in Brüssel für Kenner*innen der Stadt und Liebhaber*innen von Reisebildern, gerade in „Covid-19 Zeiten“.