Sonntag, 9. August 2020

🇧🇪 La canicule 🥵

Auch in Brüssel ist jetzt Sommer, die Sonne brennt und es ist um die 30-35 Grad heiß. Zum Glück ist es  meist eine trockene Hitze mit um die 25% Luftfeuchte und nicht das Gewitterwetter, das es im Juli/ August hier auch über Tage und Wochen geben kann. Heute Morgen gab es ein leichtes Gewitter und sogar Regen, in Etterbeek ein paar Tropfen, in St. Gilles wurden gleich wieder die Bürgersteige geflutet. Es war 1-2 Stunden tropisch unangenehm, dann ging es wieder.

Am Mittwoch habe ich das Haus der Europäischen Geschichte im Parc Leopold besucht. Das Museum geht auf eine Initiative des Europäischen Parlaments zurück und wurde 2017 eröffnet. 
Das Zugangsprozedere war recht mühsam, da die Registrierungssoftware eher unter die Kategorie „Bananensoftware: Reift beim Kunden“ fällt. Es ist ratsam sich der Prozedur in Ruhe am Vortag zu widmen, Buchungen am selben Tag sind schwierig fürs System, Umbuchungen klappen gar nicht und die Sicherheitsleute sind zwar nett, aber auch etwas verzweifelt. Es gibt sich alles sehr strikt und dann wollte doch niemand die Reservierung genau prüfen oder meinen Ausweis sehen. Der Wachmann, der mir den Weg zeigen sollte, roch sogar durch die Maske nach Alkohol und war entsprechend verpeilt, auch 1 Stunde später noch, als ich wieder ging. 
Die Ausstellung ist jedoch die Mühen wert. Es gibt ein Tablet mit Kopfhörer mit Informationen zu den einzelnen Abteilungen und Stationen sowie Quellenangaben zu den Exponaten, wenn man sehr viel Interesse hat. Es gibt Filme, Landkarten, Texte, Bilder und andere Exponate. Das Museum befindet sich in einem Art-Deco Gebäude von 1933, einer ehemaligen Zahnklinik für sozial benachteiligte Kinder, deren Arbeit aus dem Vermögen des Erfinders der Kodakkamera, George Eastman, finanziert wurde. Solche Kliniken gab es nicht nur in Brüssel, sondern auch in anderen Großstädten wie z.B. London, Stockholm oder New York. In Brüssel war die Klinik wohl bis in die 1970er Jahre in Betrieb.

Am Donnerstag machte ich mit einer Freundin einen Spaziergang in ihrer Mittagspause im Parc Woluwe, mein üblicher Park für Läufe am Wochenende, als ich in Auderghem wohnte. 

Angesichts der Wettervorhersage fürs Wochenende- Sonne satt - machte ich mich dann am Freitag auf an die Küste:  Ich fuhr mit dem Zug früh morgens nach Oostende, dann mit der Küstentram nach Bredene und spazierte am Ufer entlang rund 14 km bis Blankenberge. Die Küstenorte sind nicht schöner geworden, wie schrieb ich schon 2000: „Die belgische Küste ist ziemlich hässlich, was die Bebauung angeht. Eine Vielzahl 5 bis 8-stöckiger Apartmenthäuser bilden eine fast geschlossene Front von einem Ort zum anderen. Da hilft nur: Blick zum Meer und nicht umdrehen.“ Natürlich war es voll in der Nähe der Orte und es gab alles was schnell ist und Krach macht zu erleben: Jetski, Wasserski, Speedboote. Wie in vielen Ländern macht man eben auch in Belgien mehr Urlaub im eigenen Land.  Zwischen Bredene und De Haan, zwischen De Haan und Wenduin und dann bis zur Hafeneinfahrt von Blankenberge war es ruhiger. Zum Glück fuhr die kleine Fähre, die Leute für 1 € über die Hafeneinfahrt in Blankenberge bringt und einem damit 20 Minuten langweiligen Fußweg ums Hafenbecken erspart. In Blankenberge war es dann auch wieder voll. Die Menschen strömten in Massen vom Bahnhof, als ich mich gegen 15 Uhr wieder auf den Rückweg nach Brüssel machte. Ich hörte, es habe am Freitag noch richtig Krawall in Blankenberge gegeben, so dass der Ort für Tagesgäste am Wochenende gesperrt wurde, ich habe also wieder alles richtig gemacht. 

Auf der Zugfahrt fiel mir auf, dass es inzwischen viel mehr Solarzellen auf den Dächern gibt und dass viele Bahnhöfe modernisiert wurden, so Brüssel-Nord, Brügge und Gent, in Blankenberg ist der Bahnhof in ein neues Hotel integriert worden. Die vier Feinde der Bahn - Frühling, Sommer, Herbst und Winter - schlugen auf dem Rückweg zu, Verspätungen in Brüssel wegen technischer Probleme. Abends bekam ich dann endlich Moulles-Frittes an der Place St. Catherine, dem ehemaligen Fischmarkt von Brüssel. 

Am Samstag bin ich im Arboretum in Tervuren spazieren gegangen. Welch eine schöne Entdeckung! Das geographische Arboretum ist von 1902 an unter Leitung des ehemaligen Konservators des Nationalen Botanischen Gartens in Meise und Professor an der Freien Universität Brüssel, Charles Brommer, angelegt worden. Es umfasst eine Fläche von ungefähr 100 ha und weist 460 verschiedene Baumarten auf. Die einzelnen Baumgruppen sind nach ihrem geographischen Ursprung angepflanzt und nicht nach ihrer biologischen Verwandtschaft, jede Parzelle bildet also einen kleinen Wald verschiedener Arten, die für eine jeweilige Region repräsentativ sind. Der Spaziergang kann also - wie im botanischen Garten in Berlin - eine Weltreise von Kalifornien bis nach Alaska mit einem Abstecher über die Anden sein. Leider fehlte mir da die Fachkunde und die Informationen zu den einzelnen Parzellen, schön war es trotzdem. Das Arboretum liegt im Kapuzinerwald, einem Buchenwald, der zwischen 1875 und 1880 in nordöstlicher Verlängerung des Forêt des Soignes angepflanzt wurde. Mehrere beeindruckende Buchenalleen verbinden die Parzellen.  

Heute traf mich zum Kaffee am Markt in St. Gilles und wir spazierten nachher zur Place Jeu des Balles mit dem Trödelmarkt. Auf dem Heimweg machte ich noch eine Fahrt im Riesenrad am Justizpalast mit gutem Blick über die Stadt. 

Was sich übrigens seit den Terroranschlägen am 22. März 2016 nur gering verändert hat ist die Militärpräsenz auf den Straßen. Heute früh, als ich im Park laufen war, rückten die LKW mit Soldaten aus in die Stadt, sie patrouillieren mit Gewehr im Anschlag weiterhin auf den Straßen im Europaviertel und in der Innenstadt.

In den Jahren 2000/2001 gab es noch ein paar lustige Geschichten in meinem damals neuen Brüsselleben: „Die Abluft aus der Küche wird offensichtlich in die Decke geblasen. Sie kommt in meinem Bad und in der Wohnung darüber an (...) nun ist seit ca. 4 Wochen die Decke im Bad geöffnet und man versucht, dem Problem auf den Grund zu gehen, aber irgendwie ändert sich nichts. Die Handwerker haben mühsam an 2 (!) Tagen eine neue Zwangsentlüftung im Bad installiert, die Badezimmerluft wird nun also auch noch aus dem Bad in die Decke geblasen - mir ist unklar, was das soll, denn es gibt offensichtlich keinen richtigen Kaminanschluss... c'est belge, sagt der Kenner. (...) Die Geschichte mit der Abluftanlage ist ziemlich ins Stocken geraten, es tut sich seit einiger Zeit nichts mehr. Ich koche, George leidet und die Handwerker sind spurlos verschwunden. Die Decke im Bad ist weiterhin teilweise offen. Dafür gibt es eine neue Waschmaschine im Keller. Die alte brauchte Ewigkeiten, um zu waschen und schleudern tat sie auch nicht richtig. Ich habe es dem Vermieter gesagt und es brauchte einige Gespräche, bis er einsah, dass ich weder zu blöd noch ungeduldig bin, die Maschine richtig zu bedienen und dass sich die anderen nur deshalb nicht beschweren, weil sie schon gar nicht mehr hier waschen. Die neue Maschine ist jedoch breiter, als die alte und so passte sie eigentlich nicht die Kellertreppe hinunter. Daraufhin wurde die Mauerecke an der Kellertreppe kurzerhand auf Diät gesetzt. Die Handwerker verschlankten sie mit ein paar beherzten Schlägen, man machten passend, was nicht passend war.“ oder die Sache mit den Parkuhren damals „Also mit den Parkuhren in unserer Straße ist es so: Die sind eigentlich nur so da. Sie stehen da, keiner füttert sie, die meisten sind auch kaputt, aber man kann das Fahrrad anschließen oder auch dagegen rennen. Nur die Fremden glauben, dass man hier überall nicht kostenlos parken darf und versuchen immer wieder einmal, Geld einzuwerfen, was meist misslingt. Heute morgen kam ich aus dem Haus und es stand wieder ein "Fremder" vor der Parkuhr und inspizierte sie. Er sah klar und deutlich, dass das Geldfach aufgebrochen war. Er hätte auch sehen können, dass keine andere Uhr in Betrieb war, aber er stocherte mit seinem Geldstück an der Uhr herum. Ich versuchte, ihm klarzumachen, dass es nicht nötig sei, es weiter zu probieren. Er schaute mich verwirrt an und stocherte weiter. Als ich nach 30 Minuten zurückkam, war er dann doch verschwunden, ich hatte mir schon Sorgen gemacht.“ Heute kostet das Parken überall richtig viel Geld und man zahlt modern per SMS.


Mittwoch, 5. August 2020

🇧🇪 Bruxelles

Ich habe 14 Jahre in Brüssel gelebt und gearbeitet (2000-2014) und habe mir jetzt die Zeit genommen, mal wieder länger in der belgischen Hauptstadt zu sein. Auf dem Wunschzettel standen: Fritten bei Antoine an der Place Jourdan, „Moules frittes“ am Fischmarkt, Nordseebesuch, Gaufres (Waffeln), Neuhaus-Schokolade und natürlich auch Freunde, ehemalige Nachbar* innen und Kolleg*innen treffen. Ich arbeite den jetzt natürlich systematisch ab und es ist sehr schön. Der letzte Punkt ist etwas komplizierter, denn viele sind gerade im Urlaub oder ein Treffen ist wg. Covid-19 nicht möglich, weil es zu risikoreich  wäre. 
Manches Mal fühlt es sich an wie „zu Hause“ und manches Mal schon wieder fremd.
Die Wiedersehensfreude war groß bei den ersten Löchern in der Pflasterung auf dem Bürgersteig, beim ersten Spaziergang durch die Marollen und im Fôret des Soignes (Buchenwald, UNESCO Weltkulturerbe seit 2017), sie war schon geringer beim ersten Hundehaufen, aber der gehört auch immer noch irgendwie dazu. Wie schrieb ich im dritten Monat in Brüssel, im September 2000 „Ich habe an diesem Wochenende gleich drei Schritte ins "neue Leben" getan: 1. erster Discobesuch, 2. schöne, lange Joggingstrecke gefunden und 3. zum ersten Mal in Hundescheiße getreten.“ Irgendwie „normal“ war es dann auch, dass am Samstagabend kurz der Strom ausfiel. 
Anders, als in Deutschland gibt es in Bruxelles Capitale eine Maskenpflicht im gesamten öffentlichen Raum und in Läden, Museen etc. Auch wenn die Brüsseler Gemeinden das individuell regeln müssen, sind sich zumindest die „Innenstadtgemeinden“, wie Brüssel, Etterbeck, St. Gilles oder St. Josse da einig.
 
Im Vergleich zu den vielen Jahren, die ich hier gelebt habe, ist manches wirklich spürbar in Bewegung gekommen, so z.B. dass die Straßen und Plätze wieder für die Bewohner zurückgewonnen wurden. Die Autos werden verdrängt zugunsten von Radwegen, Fußgängerzonen und Begrünungen:
- Die Rue de la Loi war bis Ende der 2000er 5-spurig, dann 4-spurig und ist nun noch 3-spurig. Der restliche  Platz gehört Radfahrern und Fussgängern. Parallel wurde der Bahnhof Schuman zum wichtigen Knotenpunkt zwischen Eisenbahn  und U-Bahn umgebaut mit Anschluss zum Flughafen. 
- Der Boulevard Anspach im Zentrum von Brüssel wurde gesperrt und umgebaut. Jetzt ist er Raum für Begegnung, für Gastronomie, für Menschen zu Fuß oder auf dem Rad geworden. 
- Die Place Joudan ist endlich ein städtischer Platz mit Sitzgelegenheiten und Springbrunnen und nicht mehr ein Parkplatz an der Fritterie von Antoine. 
- Die Chaussee d ‘Ixelles ist für den motorisierten Durchgangsverkehr - außer Bussen - gesperrt, viele Seitenstraßen zu Einbahnstraßen geworden. 
Natürlich gibt es auch hier die bekannte Debatte, dass es ohne Parkplätze vor der Tür keine Kunden gäbe, aber den Eindruck hatte ich überhaupt nicht und die Erfahrungen anderer Städte, z.B. Gent, belegen die positiven Effekte. 
Es entstehen in der Innenstadt und im Europaviertel jetzt auch Wohnungen, wo früher Büros gebaut wurden oder als Nachnutzung ehemaliger Hotel- oder Bürogebäude. Das sind sicherlich teure Wohnungen fürs Wohnen auf Zeit, aber damit kommt, zumindest von Montagmorgen bis Freitagmittag - auch wieder etwas Leben in diese Bereiche rund um die EU- und andere Institutionen. Mein Eindruck bei den Aushängen der Makler war, dass die Preise halbwegs stabil geblieben sind für die Wohnungen für Expats, im Internet schien es mir dann doch teuerer, aber nach den Fotos inzwischen besser ausgestattet, als in den 2000ern, was Küchen und Bäder angeht. 
Manches bleibt irgendwie ein Dauerbrenner: Um den Justizpalast steht mal wieder ein Gerüst. Ich kann mich kaum daran erinnern, dass da mal kein Gerüst stand, aber jetzt ist fast das ganz Gebäude eingerüstet. Davor, auf der Place Poelaert, steht seit Februar 2020 ein 55 Meter hohes Riesenrad. 
Ich genieße vertraute Joggingrunden im Parc du Cinquantenaire. Sehr schön finde ich, dass das Sportgelände der angrenzenden königlichen Militätschule inzwischen für alle offen ist, der hohe Zaun ist abgebaut. Leute laufen auf der 400 m Bahn, spielen Basketball, machen freies Krafttraining, Gymnastik, Yoga, Boxen oder spielen auf dem ehemaligen Tennisplatz nun Kleinfeld-Fußball. In meinen „Brüsseljahren“ bin ich durch den Zaun gekrochen, um mal 400 m auf Zeit zu rennen. 
Im Parc du Cinquantenaire, dem „Jubelpark“, fanden auf Wunsch von König Leopold II. im Jahr 1880 Ausstellungen anlässlich des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit Belgiens statt, vormals war der Park ein Militärübungsgelände. Am östlichen Ende des Parks steht seit 1905 der 50 m hohe Triumphbogen mit Quadriga. Auf beiden Seiten des Bogens in Säulengalerien sind zwischen 1920 und 1932 angefertigte Mosaike, die die „friedliebende belgische Nation“ beschwören sollen. Zu beiden Seiten des Triumphbogen befindet sich je eine große Ausstellungshalle, die die ursprünglichen Pavillons und Ausstellungshallen der Ausstellung von 1880 ersetzten. Hier sind heute die „Autoworld“ mit einer großen Oldtimer-Sammlung und das Militärmuseum „Musée Royal de l’Armée“. Der Park dient der Erholung, als Lebensraum der Halsbandsittiche und am nordwestlichen Ende steht eine große Moschee. Am südwestlichen Ende steht gerade eine Pop-up Bar mit Biertischen draußen für um die 100 Gäste. 

Als ich im Jahr 2000 nach Brüssel gezogen bin, habe ich in lockerer Reihenfolge und mit schwindender Intensität per Mail „Neues aus Brüssel“ verschickt, Blogs gab’s da noch nicht. Ich habe gerade mal nachgeschaut, was denn damals so meine ersten Eindrücke waren: „Brüssel ist eine relativ kleine Stadt, man erreicht viel zu Fuß und wenn man mutig ist – die Belgier haben einen sehr eigenwilligen Fahrstil - und ein bisschen trainiert – es gibt hier Hügel - kann man auch Rad fahren. Im Sommer sind die „Eingeborenen“ eigentlich alle im Urlaub, z.B. in den Apartmenthochhäusern an der Küste – da sieht es aus wie in Mallorca: Badehütte an Badehütte (sieht aus wie eine Gartenlaube und wird scheinbar auch so genutzt - Liegestuhl und Bierkiste), Sonnenschirm an Sonnenschirm entlang des „Strands“, sonnenverbrannte Nasen, Schultern und Bäuche. (...) Bemerkenswert am Leben in Brüssel ist neben der nervenden, scheinbar sehr ineffiziente Bürokratie die allseits erlebbare Kleinkriminalität. Belgien hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in Europa: Jeder meiner KollegInnen hat Geschichten zu erzählen von Wohnungseinbrüchen, Autodiebstählen, Diebstählen aus Autos an der Ampel - Tür auf -Tasche weg, abendlichen Überfällen auf Jogger, um Schuhe und/oder Walkman zu erbeuten. Ich stellte heute fest, dass meinem Auto die Scheibenwischer fehlen. In meinem Auto ist nichts mehr zu sehen, keine Landkarten, keine Beutel, sowieso kein Radio, an die Scheibenwischer hatte ich nicht gedacht (wäre ja auch ein bisschen sehr affig). Auch wenn in meiner Gegend mindestens einmal pro Woche die Straße gefegt wird, sieht man immer wieder Splitter von Autoscheiben auf dem Bürgersteig oder auf der Straße.“ Diese Splitterfelder habe ich bisher nicht gesehen. Auch vorbei zu sein scheint der Jugendsport „Joy-riding“: Schnelles Auto klauen und vor die Wand fahren. Da hatte es im Jahr 2000 unseren Chauffeur im Büro erwischt. Im Oktober 2000 schrieb ich „In meiner Wohnung habe ich verschiedene Haustiere: Kakerlaken und Mäuse. Seit über 1 Woche versuche ich die Mäuse zu vergiften, aber entweder sind es immer neue oder sie vertragen das Gift besser, als der Hersteller glaubt. Sie futtern und futtern und futtern ohne erkennbaren Appetitverlust. Die Kakerlaken bin ich erst einmal los ... bis zum nächsten Mal. Das Deutsche Entomologische Institut in der bekannten Wissenschaftsstadt Eberswalde macht mir jedenfalls keine Hoffnung, diese Haustiere wirklich vertreiben zu können.“  Im November dann: „In meiner Wohnung könnte gerade alles ganz schön sein, wenn George nicht wäre: Die Mäuse sind wohl erst einmal vergiftet und der Handwerker soll auch die Löcher in der Wand hinter den Küchenschränken geschlossen haben (man beachte den Konjunktiv). Eine tote Maus lag bei Michael, in der Wohnung unter mir neben den Schuhen, als er sie morgens anziehen wollte. Er dachte schon, es hätte an seinen Schuhen gelegen, ich konnte ihn beruhigen. Die Kakerlaken schauen jetzt bei meiner Nachbarin vorbei. Aber auch sie ist wild entschlossen, es ihnen ungemütlich zu machen. George wohnt über mir und fühlt sich gestört vom Essengeruch, wenn ich koche. Die Küchen sind hier nachträglich eingebaut worden und die Abluftkanäle sind "belgisch" verlegt - etwas Show um gar nichts. Der Abluftkanal vom Herd endet irgendwo in der Deckenabhängung und wenn ich koche, so riecht man das im Bad - das liegt nämlich nebenan - und bei George, der ist oben drüber. Ich rieche auch, wenn Michael unter mir kocht. Mich hat das nicht so gestört, aber George ist eben empfindlich und nun zieht er entweder aus oder die Handwerker müssen sich ernsthaft um die Abluftkanäle kümmern.“

Freitag, 31. Juli 2020

🇩🇪 Potsdam und Umland 😉

In der letzten Woche unternahmen wir noch zwei größere Touren. Die eine führte uns zum jüdischen Friedhof Weißensee und weiter durch Weißensee, die andere entlang Erpe/Mühlenfließ vom S-Bahnhof Friedrichshagen nach Dahlwitz-Hoppegarten. An den anderen Tagen waren wir mal morgens mal im Heiligen See schwimmen, genossen unsere Terrasse oder es standen Routinen wie Friseur oder Physiotherapie an. Außerdem bereitete ich mich ein wenig auf die nächste Reise vor: Am Samstag geht’s nach Brüssel. Ich bin schon beunruhigt, dass die Covid-19-Infektionszahlen nicht nur bei uns, sondern vor allem auch in Belgien und Frankreich gerade wieder ansteigen. Zum Glück habe ich nach der nächsten Reise auch wieder gut zwei Wochen Zeit zu Hause. Das hat sich ja bisher zum Schutz meines Umfelds ganz gut bewährt. Meine Zugverbindungen habe ich auch wieder so gewählt, dass ich hoffe, dass es nicht allzu voll ist. 
Der jüdische Friedhof Weißensee besteht seit 1880, er wurde eröffnet, weil der alte jüdische Friedhof an der Schönhauser Allee langsam voll wurde. Entsprechend der jüdischen Tradition werden Gräber nämlich nicht wieder belegt, sondern sie gelten bis zum Jüngsten Gericht als Begräbnisflächen. Der jüdische Friedhof Weißensee ist etwa 1,0 km lang und 500 m breit, mit 42 Hektar der flächenmäßig größte erhaltene jüdische Friedhof Europas, es gibt fast 116.000 Grabstellen. Die Anlage des Friedhofs sowie die meisten Gebäude gehen auf den Entwurf des Architekten Hugo Licht (1841– 1923) zurück. Der Haupteingang an der Herbert-Baum Straße wie auch die Friedhofsmauer sind im Stil der italienischen Neorenaissance aus gelben Ziegeln erbaut. Es gibt außerdem zwei zweigeschossige Flachbauten, darin Friedhofsverwaltung und Archiv, links daneben das Taharahaus für die Leichenwaschung, dazwischen Arkadengänge und die Trauerhalle. Die Gräber sind in 120 gitterförmigen Grabfeldern als Rechtecke, Dreiecke oder Trapeze angeordnet. Die Felder sind alphabetisch und mit Nummern gekennzeichnet, von A1 am Haupteingang bis P5 am südlichen Rand. Das Gelände des Friedhofs ist weitestgehend mit Bäumen bestanden, seit den 1970er Jahren steht der Friedhof unter Denkmalschutz. Erstaunlicherweise wurde er von den Nazis nicht geschändet. Wir gingen entlang der Aussenmauer des Friedhofs, hier gibt es sehr viele repräsentative Grabstätten und Mausoleen, aber auch in anderen Abteilungen fanden wir repräsentative Grabstätten. Einige der Monumente schufen renommierte Architekten wie Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe. Wir fanden die Grabstätte des KaDeWe Gründers Adolf Jandorf und der Eltern von Kurt Tucholsky: „Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit, drei Meter lang, ein Meter breit. Du siehst noch drei, vier fremde Städte, du siehst noch eine nackte Grete, noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee – Und dann: Feld P – in Weißensee - in Weißensee.“ Die ab den 1980er Jahren angelegten Grabstätten befinden sich eher links vom Eingang und hinter der Trauerhalle. 
Rund um Kreuzpfuhl und Weißem See entdeckten wir interessante Siedlungen an der heutigen Woelckpromenade - das Munizipalviertel. Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde Weißensee schnell, da viele Berliner raus ins Umland zogen. Der Bereich am Kreuzpfuhl sollte neues Ortszentrum werden und erhielt die Bezeichnung Munizipalviertel. Als erstes entstand um 1910  das Gemeindeforum am Kreuzpfuhl mit Wohnhäusern. Die Gebäude an der Woelckpromenade 2 – 7 stammen vom Architekten Carl James Bühring. Zur Herausbildung eines neuen Zentrum für Weißensee und zur Erteilung des Stadtrechts kam es jedoch nicht. Die Gemeinde wurde 1920 in Gross-Berlin eingemeindet. Carl Woelck - der mit der Promenade- war übrigens der letzte Bürgermeister der Gemeinde Weißensee.
An der heutigen Grundschule "Am Weißen See" Berlin-Weißensee fanden wir die verblichene Inschrift „Für Einheit und gerechten Frieden! Das Besatzungsstatut muss fallen.“ Das Schulgebäude wurde 1929-1931 als 8. Volkshochschule Berlin-Weißensee gebaut, zwischen 1946 und 1950 war hier das Rathaus Weißensee, aus dieser Zeit stammt wohl die Inschrift. Danach war es wieder eine Schule, die Grundschule wird gerade saniert. 

An der Erpe war es landschaftlich sehr schön, das Tal steht seit 2003 unter Naturschutz. Ich konnte nicht rausfinden, weshalb speziell. Der Weg führt vom S-Bahnhof Friedrichshagen in der ersten Hälfte entlang der Erpe auf Wiesenflächen mit weiten Blicken, später verläuft er im Mischwald, vorbei an einer Gedenktafel für die Gräber der ehemaligen Besitzer von Schloss Dahlwitz, der Familie von Treskow und dann zum Lenné Park am und zum Schloss Dahlwitz selbst. Der Berliner Architekt Friedrich Hitzig hat das Schloss in den Jahren 1855/1856 für den Gutsbesitzer Carl von Treskow gebaut. Zu dieser Zeit bestand schon ein Landschaftsgarten, den Peter Joseph Lenné 1821 anlegen ließ. Der Turm am Schloss wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgestockt, so war das in Potsdam auch schwer in Mode zu der Zeit. Außerdem wurde das Schloss um einen Anbau mit einem als Atelier genutzten Saal und Küche an der nördlichen Seite erweitert. Seit Ende der 1940er bis 1997 war es ein Kindergarten, der ist heute gegenüber in der Nähe der Dorfkirche. Das Schloss wurde ab 2004 durch die Brandenburgische Schlösser GmbH (https://www.schloesser-gmbh.de/index.php) schrittweise für 2,7 Millionen Euro - sagt der rbb - saniert und dann verkauft, es ist seit 2019 in Privatbesitz. 


Samstag, 25. Juli 2020

Borkumurlaub und zu Hause

Das Wetter während unseres Urlaubs war meist besser, als die Vorhersage des Deutschen Wetterdienstes. Da konnten wir gar nicht meckern und hatten viele Gelegenheiten nicht nur auf der Insel spazieren zu gehen, sondern ins Wasser zu gehen oder auch einfach auf der Bank zu sitzen. Es gab viel zu sehen: Strand, Kegelrobben, Seehunde, Austernfischer, Wolken und jede Menge Leute, Urlauber zu zweit, zu dritt, Familien und Kurgäste, auch mal welche mit Socken und Sandalen oder in seltsamen Bademoden.
Wir genossen die Abwechslung von längeren Wanderungen und Tagen auf der Banke mit weiten Blicken über Strand und Meer. Die längste Tour machten wir zum Oststrand, erst mit dem Inselbus bis zur Endstation und dann um die 18 km durch die Dünen zum fast leeren Strand und wieder zurück zur Bushaltestelle. Es war wunderschön mit Blick über die Nordsee zu den Nachbarinseln oder auf die Wolkentürme über dem Festland am Wasser entlangzugehen. Ab und zu schaute eine Kegelrobbe aus dem Wasser. An der Ostspitze entdeckten wir zufällig noch Kegelrobben am Strand und zogen uns gleich wieder zurück, um nicht mehr zu stören.  Am Mittwoch ging es mit der Inselbahn zum Hafen, mit dem Katamaran nach Emden und mit dem Doppelstock-Intercity direkt nach Potsdam.

Wieder zu Hause machten wir wieder Ausflüge nach Berlin. Rund um den Reichstag probierten wir eine Augmented Reality-App (AR) aus, „MauAR" heißt sie und projiziert den ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer auf den Bildschirm des Mobiltelefons/Tablets, während man herumspaziert, dazu gibt es Geschichten zum Leben in Ost und West sowie zu verschiedenen geschichtlichen Ereignissen. Wir haben in den letzten Wochen ein paar weitere interessante AR-Apps entdeckt, z.B. „Augmented Berlin" oder „WDR AR 1933-1945". Die Apps finden sich im App-Store, alles noch nicht ganz perfekt, aber wirklich spannend, finde ich.
Dann entdeckte ich in Weißensee ganz neue Ecken und heute wanderten wir vom S-Bahnhof Friedrichshagen entlang des alten Wasserwerks und des Müggelsees zum Tunnel unter der Müggelspree und dann weiter nach Köpenick. Es war natürlich einiges los am und auf dem Wasser.

In der nächsten Woche freue ich mich auf weitere Ausflüge und Entdeckungen in der Umgebung und dann geht’s wieder auf Reisen: Brüssel und Paris sind die Ziele. Ich hoffe, dass die 2. Welle uns alle nicht wieder in Lock-down und mehr Unsicherheit werfen wird. Ich werde weiterhin vorsichtig sein, auch wenn ich mit Bus und Bahn reise.

Montag, 13. Juli 2020

Sommerurlaub am Strand

In der letzten Woche war eine schöne Potsdamwoche zur Einstimmung auf den Sommerurlaub. Wir hatten Besuch aus Hagen und endlich hatte ich Gesellschaft beim morgendlichen Bad im Heiligen See. Wir spazierten gemeinsam durch die Stadt, wanderten von Potsdam nach Wannsee, inkl. einem Abstecher auf die Pfaueninsel. 

Am Samstag wanderten wir auf dem Havelhöhenweg von Grunewald nach Nikolassee:  Eine schöne Tour mit Sanddüne im Grunewald, schönen Wegen und Ausblicken auf die Havel. 

Am Sonntag sind wir mit dem IC von Potsdam nach Emden gefahren und dann mit der Fähre nach Borkum: 10 Tage Urlaub auf der Insel. Anders als im letzten Oktober, sind wir nicht so ganz allein hier, aber die Insel ist groß genug und die meisten Gäste sind sowieso am Nordstrand. 

Beim ersten Spaziergang auf der Strandpromenade wurde ein Riesenkran am Strand von Schleppern vorbeigezogen. Das Riesending heißt Saipem 7000, ist fast 200 m lang und fast 90 m breit, er ist einer der leistungsfähigsten Schwimmkräne, eines der größten Arbeitsschiffe der Welt, über 30 Jahre alt und fährt unter der Flagge der Bahamas, sagt WIKIPEDIA. 

Heute machten wir einen Strandtag, genossen die Sonne und die weiten Blicke über den Strand. 

Sonntag, 5. Juli 2020

Halbzeitpause

Meine letzte Station in Österreich war Innsbruck, ich fuhr am vergangenen Sonntag (28.06.) hin. Eigentlich war wieder ein „Urlaub gegen Hand“-Aufenthalt geplant, aber meine Gastgeberin meldete sich mit „COVID-19- Beschwerden“ ab und ich buchte mir lieber ein Hotel. Das Hotel liegt etwas östlich von Innsbruck und oberhalb des Inntals, mehr hier https://www.aldranserhof.at/. Die Gemeinde Alsrans im „Speckgürtel“ von Innsbruck, hat um die 3000 EinwohnerInnen. Es gibt alle 30 Minuten einen Bus nach Innsbruck und der brachte mich in 20 Minuten in die Innenstadt. Auch hier gab es wieder eine ÖPNV-Fahrkarte zur Hotelübernachtung dazu, sehr praktisch. Vom Balkon meines Zimmers blickte ich über die Stadt auf die Nordkette. Toll! Nach der Ankunft machte ich noch einen kleinen Ausflug zu Fuß zum Schloss Ambras, das Wetter war schön und der Park sehr angenehm für einen Spaziergang.
Am Montag stand „Schlechtwetterprogramm" in der Stadt an. Ich besuchte die Hofburg. Sie ist eine von den Habsburgern errichtete und bewohnte Residenz, erst Burganlage aus dem Spätmittelalter, dann Schloss und Sitz der Tiroler Landesfürsten sowie Wohnsitz oder kurzzeitiger Aufenthaltsort verschiedener Angehöriger der österreichischen Dynastie bis zur Gründung der österreichischen Republik im Jahr 1918. Kaiserin Maria-Theresia (1717-1780) ließ die Hofburg so umbauen, wie sie heute noch erhalten ist, war persönlich aber wohl bloß zwei Mal vor Ort (1739 und 1765).
Da der Wetterbericht für Dienstag eine optimistische Prognose hatte, fuhr im morgens mit der Standseilbahn und der Seilbahn über die "Hungerburg" und die „Seegrube“ hinauf zum Hafelekar und stieg nur die letzten Meter zur Hakelekarspitze auf 2334 m. Die Hungerburg heißt so, weil die ehemalige Jausenstation an diesem Ort im Wald oberhalb von Innsbruck in den 1840er Jahren wohl so schlecht war, dass man hungrig bliebt. Der Spottname wurde auf die ab 1906 hier entwickelte Terrassensiedlung übertragen. Seit etwa 1900 begann auch die Entwicklung hin zur „Sommerfrische“, die erste Hungerburgbahn, auch eine Standseilbahn, wurde 1905/06 erbaut. Die Seilbahn von der Hungerburg auf die Nordkette, zur Seegrube und zum Hafelekar – Nordkettenbahn – wurde 1927/28 errichtet. Die alte Hungerburgbahn wurde, trotz Protesten zu deren Erhalt, am 1. Dezember 2007 durch die heutige Hungerburgbahn mit anderer Trassenführung, z.B. über den Alpenzoo, ersetzt. Die Architektin Zaha Hadid (1950-2016), die in Innsbruck schon die neue Skisprungschanze auf dem Bergisel geplant hatte, gestaltete die drei neuen Stationen. Oben auf dem Gipfel empfing mich Nebel in Richtung Innsbruck, der immer wieder für tolle Fernblicke aufriss und mittags fast ganz verschwand. Nach Norden gab es immer einen sehr weiten Blick über das Karwendelgebirge bis nach Bayern. Es war sehr schön dem wabernden Nebel zuzuschauen. Ich spazierte etwas herum, saß aber auch oft lange und genoss die Gegend. Es kamen Erinnerungen hoch an meine Studienzeit 1989/90 in der Schweiz, wenn der Nebel im Winter im Mittelland hing und wir auf einen ausreichend hohen Berg fuhren, um in der Sonne sitzend die Wolken von oben zu betrachten.
Zum kalendarischen Beginn der zweiten Hälfte meines Sabbaticals bin ich dann Mittwoch mit dem Zug aus Innsbruck wieder nach Potsdam gefahren. Am Donnerstag erkundeten wir den Wissenschaftspark Albert Einstein auf dem Telegraphenberg in Potsdam mit Einsteinturm (1924), dem Großer Refraktor (Linsenfernrohr, 1899) und all den heute bekannten, neuen Instituten wie PIK (Potsdam Institut für Klimafolgenforschung), GeoForschungsZentrumGeoforschungsinstitut und Alfred-Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung. Auf dem Hinteren Brauhausberg stand seit 1832 der 4. Mast (von 62) mit Flügelpaaren für die Kommunikation entlang der 550 km langen Preußischen Staatstelegrammlinie zwischen Berlin und Koblenz, die Friedrich Wilhelm III errichten ließ, um Nachrichten schnellstmöglich zwischen der Rheinprovinz und dem preußischen Kernland austauschen zu können. 1849 wurde die Linie nach der Einführung der elektrischen Telegrafie eingestellt. Es begann in dieser Zeit die Anlage eines Wissenschaftsparks nach Plänen des Architekten Paul Emanuel Spieker mit verschiedenen astronomischen, meteorologischen und geowissenschaftlichen Observatorien, integriert in einen englischen Landschaftsgarten. Inzwischen gibt es zahlreiche Neubauten in dem bewaldeten Parkgelände.
Am Freitag war ich zum ersten Mal in diesem Jahr im Heiligen See zum morgendlichen Schwimmen, später machten wir einen Ausflug nach Berlin und erkundeten weitere Ecken in Wilmersdorf.






Am Samstag wanderten wir um 15 km von Rüdersdorf entlang des Kalksees und des Flakensees nach Erkner, dann weiter über die Wohn- und Wochenendsiedlung „Neu- Venedig" und der Taborkirche (Jugendstil) zum S-Bahnhof Wilhelmshagen.